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Das Wurzel-Werk

27.02.2019 | Text: Matthias Peer | Bilder: Matthias Peer

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In Thailands landwirtschaftlichem Zentrum lohnt sich der Einsatz von Biogasanlagen nicht nur finanziell. In den Dörfern von Nakhon Ratchasima beseitigt er auch ein lästiges Geruchsproblem.

In den Wintermonaten war es in der thailändischen Provinz Nakhon Ratchasima rund um die Fabrik von Prayut Vitthayanukorn besonders unangenehm. Daran kann sich der Unternehmer noch gut erinnern. Starker Nordwind blies über sein Abwasserbecken und wehte den Schwefelgestank mit voller Wucht über die Nachbargemeinden. „Viele Leute haben sich darüber bei uns beschwert“, sagt Prayut. Er zeigt alte Bilder der Anlage: Zu sehen ist eine trübe, schaumige Flüssigkeit. Prayut war klar: So kann es nicht weitergehen.


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Prayut Vitthayanukornist Firmengründer von General Starch Limited. Das Unternehmen verarbeitet die Wurzelknollen der Cassava-Pflanze zu Stärke. 

Umweltschutz hat Priorität
In seiner Heimat Thailand, ein aufstrebendes Schwellenland, geht Wirtschaftswachstum auch heute noch vielfach zu Lasten der Natur. Doch Prayut entschied sich für einen anderen Weg: Er machte den Umweltschutz zur Priorität. Sein Abwasser wandelte er von einer Belastung zu einem handfesten Vorteil – mithilfe einer Biogasanlage. Diese setzte er als einer der ersten Industriellen in der Region ein. Inzwischen hat Prayut viele Nachahmer gefunden. Bei der Förderung von Biogasan-lagen besteht in Südostasiens zweitgrößter Volkswirtschaft aber immer noch Nachholbedarf.

Prayuts Fabrik steht im Nordosten Thailands – eine landwirtschaftlich geprägte Gegend, in die sich nur selten ein Tourist verirrt. Auch Prayut verdient sein Geld mit einem landwirtschaftlichen Produkt: Er verarbeitet die Wurzelknollen der Cassava-Pflanze, auch als Maniok bekannt, zu Stärke. Das Pulver liefert sein Unternehmen General Starch Limited (GSL) tonnenweise vor allem ins Ausland und macht damit mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Die Stärke landet sowohl in Nahrungsmitteln wie Saucen und Teigen als auch in Industrieprodukten wie Papier und Gipskarton.

Es ist noch dunkel, als sich am frühen Morgen die Lastwagen der Cassava-Bauern vor den Fabriktoren aneinanderreihen. Die Trucks sind bunt bemalt und voll beladen – mit tonnenschweren Wurzelbergen. Eines der Fahrzeuge gehört Chainart Rakkaserm. Das Feld des 55-Jährigen liegt zehn Kilometer entfernt. 7.000 Kilo hat er heute im Angebot. Mit seinem Lkw fährt er auf eine Waage, um das Gewicht der Ware exakt zu bestimmen. Dann parkt er auf einer Art Hebebühne, die sich auf Knopfdruck schräg nach unten neigt. Die Ladung fällt durch einen Schacht auf ein Fließband. Für die Cassava-Wurzeln beginnt die industrielle Reise – rund 800.000 Tonnen verarbeitet das Werk jedes Jahr. 

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Bunt bemalt und voll beladen bringen Lkw Cassava-Wurzeln in die Fabrik von Prayut Vitthayanukorn.

Biogas aus Abwasser
Bevor die Knollen zu Pulver werden, kommen sie in eine Waschmaschine. Das milchige Abwasser fließt durch Rohre in ein Becken im Freien. Es wird von einer schwarzen Plane bedeckt und sieht aus der Ferne aus wie eine gigantische Luftmatratze. Unter der gewölbten Plane verarbeiten Mikroorganismen das verunreinigte Wasser zu Biomethan. Das Gas wird abgesaugt und gereinigt – und dient dann als wichtigste Energiequelle für die Fabrik. Rund 90.000 bis 100.000 Kubikmeter Biogas produziert die Anlage jeden Tag. Die Hälfte davon verwendet Unternehmer Prayut, um einen Dampfkessel zu beheizen. Den Dampf braucht er, um die Wurzeln zu trocknen. Früher verheizte er dafür Öl. Der Einsatz von Biogas hilft nun nicht nur, durch den reduzierten Verbrauch fossiler Brennstoffe die Umwelt zu schützen. Er lohnt sich auch finanziell: Jeden Tag spare er so eine viertel Million Baht, sagt Prayut, umgerechnet rund 6.000 Euro. 

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Unter der schwarzen Plane verarbeiten Mikroorganismen das Abwasser aus der Reinigung der Cassava-Knollen zu Biomethan. 

Das ist aber noch längst nicht alles: Der 67 Jahre alte Firmengründer, der General Starch Anfang der 90er zusammen mit Geschäftspartnern ins Leben rief, lässt seinen Sohn Kamolpat das Herzstück der Anlage vorführen: In dem fabrikeigenen Kraftwerk produziert General Starch seinen eigenen Strom. Kamolpat, der die Geschäfte des Familienunternehmens in Zukunft übernehmen soll, verteilt als erstes Ohrstöpsel an seine Besucher, denn gleich wird es richtig laut. Hinter einer Schallschutztür sind vier Motoren der 4000er-Serie von MTU installiert. Der Kontrollraum ist mit buddhistischen Zeichnungen und Gebetsblumen dekoriert. Das soll Glück für eine anspruchsvolle Aufgabe bringen: Denn die Motoren sind, gut hörbar, quasi ununterbrochen Tausende Stunden im Jahr in Betrieb. 

Strom macht 20 Prozent der Produktionskosten aus
Die Produkte von General Starch sind global gefragt – 80 Prozent werden in die ganze Welt exportiert, da das Cassavamehl eine billigere Alternative zu Kartoffelstärke ist. Die in diesem Jahr vergleichsweise schlechte Kartoffelernte in Europa erhöht die Nachfrage nach dem thailändischen Konkurrenzprodukt zusätzlich. Prayuts Fabrik läuft deshalb rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche – und ist zu großen Teilen angetrieben von elektrischer Energie. Der Strom mache normalerweise bis zu 20 Prozent der Produktionskosten aus, sagt Prayut. Seine Stromproduktion in Eigenregie hilft ihm, diesen Kostenblock erheblich zu verkleinern. Die MTU-Motoren, die seit 2016 im Einsatz sind, liefern ihm eine Kapazität von acht Megawatt, die General Starch nun nicht mehr aus dem staatlichen Elektrizitätsnetz beziehen muss. Die Stromrechnung der Fabrik sinkt dadurch nach Unternehmensangaben um rund 160.000 Euro im Monat. Auch die Abwärme der Motoren kann Prayut nutzen: Sie versorgt eine Kühlanlage mit Energie.

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Mit den Blockheizkraftwerken von MTU Onsite Energy spart das Unternehmen GLS 160.000 Euro Stromkosten im Monat. Die Abwärme nutzt GLS zudem, um die Kühlanlage mit Energie zu versorgen.

Firmeneigene Kraftwerke wie dieses finden sich in der Provinz Nakhon Ratchasima, die von den Einwohnern meistens mit der Kurzform Korat bezeichnet wird, inzwischen häufiger. Dafür sorgt unter anderem der thailändische Ingenieur Prasit Pornsaksit, der Unternehmen in seiner Heimat mit seiner Firma MSM energieeffiziente Komplettlösungen anbietet. „In der thailändischen Landwirtschaft sind Biogasanlagen inzwischen vielerorts gefragt“, sagt Prasit. „In der Cassavaverarbeitung gibt es aber mit Abstand das meiste Abwasser. Deshalb kann man hier auch Motoren im Leistungsbereich von 1,5 bis 2 Megawatt mit Biogas antreiben.“

Einer von Prasits Kunden aus der Cassavabranche hat inzwischen acht MTU-Motoren im Einsatz. Sie erzeugen deutlich mehr Strom, als die Fabrik selbst benötigt. Der Inhaber verkauft den Überschuss an den Stromversorger und erhält dafür eine Einspeisevergütung. „Das ist ein lohnenswertes Geschäft“, sagt Prasit. Doch das Modell steht weiteren Unternehmen derzeit nicht zur Verfügung. Die thailändische Regierung hat zusätzlichen Zukauf von erneuerbarer Energie vorerst ausgesetzt. Als Grund führten die Behörden an, dass sie ansonsten steigende Strompreise befürchten. Denn bisher erhielten die Lieferanten von erneuerbarer Energie als Anreiz einen großzügigen Aufschlag auf den Marktpreis.

Prasit spricht sich dafür aus, zwar auf die Subvention zu verzichten, die Stromnetze aber wieder zu öffnen. Elektrizität aus Biogas würde sich mit seiner Technologie nämlich auch ohne finanzielle Unterstützung rechnen, sagt er. Ihr Ausbau könne beim Umweltschutz erheblich helfen.

Große Chancen für Biogas sieht der Experte zum Beispiel in Krabi, im Süden Thailands. Die Region ist aufgrund ihrer Traumstrände und paradiesischen Inseln eines der beliebtesten Urlauberziele in Südostasien. Doch Anwohner fürchten, dass die einmalige Natur der Gegend durch ein geplantes Kohlekraftwerk beschädigt werden könnte. Seit Jahren gibt es Streit um das Vorhaben, das die vielbesuchte Region mit dringend benötigter Energie versorgen soll. Biogas könnte den zusätzlichen Energiebedarf erheblich lindern. In Krabi gibt es zwar keine Cassavafabriken, dafür aber jede Menge Palmölmühlen. „Ihr Abwasser eignet sich hervorragend, um Biogas zu generieren,“ schwärmt Prasit.

Wirtschaftliche Vorteile sekundär
In Korat beschreibt Firmengründer Prayut das Biogas als inzwischen unverzichtbar für seinen Geschäftserfolg. Er betont aber: „Die wirtschaftlichen Vorteile waren für mich von Beginn an sekundär. Es ging mir primär darum, eine Lösung für die Umweltprobleme zu finden.“ Der positive Beitrag, den General Starch in der Region leisten möchte, ist auch an einem Feld in der Nachbarschaft von Bauer Chainart zu sehen. Aus Kunststoffrohren spritzt das gereinigte und aufbereitete Abwasser aus der Cassavafabrik in dünnen Strahlen auf den Boden. Es wird hier verwendet, um ein Aufforstungsprojekt von General Starch zu bewässern. Bananenbäume und Kräuter wachsen bereits. Auch eine kleine Pilzfarm soll hier entstehen. Am Ende will Gründer Prayut, dass das Gelände eine Art Natur-supermarkt für die Anwohner wird, in dem sich jeder kostenlos bedienen kann.

Aus Sicht von Bauer Chainart hat sich der Ruf der Fabrik durch die Initiativen des Inhabers stark zum Positiven gewandelt. Er könne hier nicht nur verlässlich seinen Lebensunterhalt verdienen. Auch die negativen Seiten der Stärkeproduktion seien inzwischen bereinigt. „Früher hat uns der Gestank im Winter wirklich sehr gestört“, erinnert sich Chainart. „Aber das ist jetzt glücklicherweise Geschichte.“

Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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