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Die Sonne aus dem Keller

30.06.2013 | Text: Marcel Rothmund | Bilder: Nicole Maskus-Trippel

Blockheizkraftwerk, Schwimmbad

In Freibädern soll das Wasser auch an weniger sonnigen Tagen warm sein, denn wer badet schon gern in kaltem Wasser? Ein Blockheizkraftwerk von MTU Onsite Energy sorgt für warmes Badewasser im Amberger Hockermühlbad in Bayern. Im Winter beheizt das BHKW ein Schulhaus über eine Fernwärmeleitung.

Das Thermometer zeigt 36 Grad Celsius an und über den Dächern der idyllischen Altstadt von Amberg flimmert die Hitze in der Mittagssonne. Im Hockermühlbad sitzt ein älterer Mann in blauen Badeshorts auf einer Holzbank neben den Duschen. Mit seinem runden Bauch und dem Glatzkopf erinnert er an eine Buddha-Figur. Bequem zurückgelehnt sonnt er seinen Körperin der Hitze. Hinter ihm sitzen Jungen und Mädchen in Badeshorts oder Bikini am Beckenrand und schauen erwartungsvoll nach oben. Auf dem Sprungturm in fünf Metern Höhe steht ein junger Kerl in schwarz-weiß-gemusterten Badeshorts. Er nimmt Anlauf und springt ab. Im freien Fallmacht er einen Salto und taucht dann in das 24 Grad kühle Wasser ein – die ideale Temperatur zur Abkühlung an heißen Tagen. Aber auch wenn’s kälter ist, soll das Wasser im Hockermühlbad nicht weniger als 24 Grad Celsius haben. Dafür ist ein Blockheizkraftwerk (BHKW) von MTU Onsite Energy zuständig. Fern von all dem Plantschen in den Schwimmbecken und dem Getümmel auf den Liegewiesen, steht es versteckt vor den Badegästen in einem Kellerraum.

Erstes BHKW für Hockermühlbad
Neben den Drehkreuzen im Eingangsbereich zum Freibad befindet sich hinter einer Gittertür ein Treppenabgang. Ein Mann mit weißem Hemd, schwarzer Hose und grauer Kurzhaarfrisur öffnet das Schloss. Es ist Günter Schwarzer, der Bäderleiter von den Stadtwerken Amberg, die das Schwimmbad betreiben. Zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Hüttner steigt er die Stufen in den Keller hinab. Wolfgang Hüttner ist Betriebsingenieur bei den Stadtwerken Amberg. Im Kellerraum ist es stickig-warm und ununterbrochen surrt ein Lüftungsschacht an der Kellerdecke. „Hier ist das gute Stück!“, sagt Wolfgang Hüttner. Mit dem Finger zeigt er auf ein Blockheizkraftwerk von MTU Onsite Energy. Das erdgasbetriebene Aggregat mit einem Zwölfzylinder-Motor der Baureihe 400 steht ohne Abdeckung mitten im Raum. „Wir wollten keine Lärmkapsel, weil es für uns bei Wartungsarbeiten so einfacher ist“, sagt Wolfgang Hüttner.

Das BHKW im Maschinenraum erwärmt das Badewasser im Freibad auf angenehme 24 Grad Celsius. Wolfgang Hüttner (links) und Günter Schwarzer vor dem BHKW.?
Das BHKW im Maschinenraum erwärmt das Badewasser im
Freibad auf angenehme 24 Grad Celsius. Wolfgang Hüttner (links)
und Günter Schwarzer vor dem BHKW.

Im Jahr 2011 kauften die Stadtwerke Amberg das BHKW für das Hockermühlbad. Es erzeugt 232 Kilowatt Strom, der zum einen den Eigenbedarf des Freibades deckt und zum anderen in das Netz der Stadtwerke Amberg eingespeist wird. Besonderswichtig ist hier die Wärme, die bei der Stromerzeugung entsteht. Denn das Aggregat gibt die Abwärme seiner Abgasanlage mit bis zu 358 Kilowatt Wärmeleistung an einen Heizwasserkreislauf ab. Das Heizwasser erwärmt dann wiederum über Wärmetauscher das Badewasser der Schwimmbecken. „24 Grad ist die ideale Wassertemperatur, die bei den meisten Badegästen gut ankommt“, sagt Günter Schwarzer aus Erfahrung. Wenn die Temperatur an weniger sonnigen Tagen nur um einen Grad absinkt, beschweren sich die ersten Badegäste. „Zu uns sind sogar schon Badegäste gekommen, weil sie meinten, dass die Wassertemperatur um 0,2 Grad Celsius gesunken sei. Wir haben sofort nachgemessen und verblüfft festgestellt, dass es tatsächlich stimmte“, erzählt Günter Schwarzer. Sobald die Wassertemperatur in den Schwimmbecken unter 24 Grad Celsius fällt oder der Wasserspeicher für das Duschwasser leer ist, springt das BHKW an. Um das Badewasserum ein Grad aufzuwärmen, braucht das BHKW etwa einen Tag. Wie lange genau, hängt vom Wind und den Außentemperaturen ab. Vor der jährlichen Saisoneröffnung im Mai dauert das Aufwärmen der Schwimmbadbecken sogar eine Woche. Im vergangenen April musste das BHKW dafür etwa 210.000 Kilowattstunden Wärmeleistung erzeugen.

Wärmen von unten
Die Schwimmbadbecken werden nicht nur durch das warme Badewasser, sondern zusätzlich wie bei einer Fußbodenheizung von unten beheizt. Auch hier hilft das BHKW von MTU Onsite Energy. Im Keller neben dem Maschinenraum kann man die Schwimmbecken aus Beton von unten sehen und drum herum laufen. In diesen großen Raum wird ein Teil der Abwärme als heiße Luft hineingeblasen und heizt so die Schwimmbecken von außen. Während sich Wolfgang Hüttner und Günter Schwarzer unter den Schwimmbecken unterhalten, schwimmen über ihnen viele Badegäste ihre Bahnen im großen Becken. Eine Schwimmbahn ist speziell für Aquajogger und Langsamschwimmer gedacht.

Peter Bachmann ist Pensionär und macht Badeaufsicht. In beigen Sandalen, blauen Shorts und weißem Poloshirt steht er vor der Glaskabine des Bademeisters und behält die Gäste im Auge. „Das BHKW ist eine tolle Sache, weil es während der Saison das Wasser in den Schwimmbecken erwärmt und im Winter das Gymnasium beheizt“, sagt Peter Bachmann und deutet über den Zaun des Freibades. Dort steht in Sichtweite das Erasmus-Gymnasium von Amberg, dessen Räume im Winter über eine Fernwärmeleitung vom BHKW Tag und Nacht beheizt werden. Während er spricht, probieren sich zwei ältere Damen im Aquajogging. Eine der beiden strauchelt etwas unbeholfen im Wasser. Peter Bachmann beobachtet die Szene mit leichtem Kopfschütteln von oben.

Früher Gasheizung
Bevor die Stadtwerke Amberg das BHKW beschafften, betrieben sie im Hockermühlbad eine gewöhnliche Gasheizung. „Früher haben wir Gas in großen Mengen verfeuert, nur um das Wasser für die Becken zu heizen, aber die Gasheizung hat nie ganz zuverlässig funktioniert“, sagt Wolfgang Hüttner. Das BHKW produziert heute Strom, Warmwasser und Fernwärme und stößt außerdem deutlich weniger Kohlendioxid aus. Wolfgang Hüttner steht im Keller gerade vor einer Verteilerstelle mit Rohrleitungen. Hier ist die Übergabestelle der Fernwärme nach außen zum Gymnasium. „Die Leistung des BHKW ist so groß, dass wir noch ein paar andere große Gebäude anschließen könnten“, sagt er. Außer dem BHKW im Freibad Amberg betreiben dieStadtwerke noch drei weitere MTU-Aggregate.

Solarkollektoren sind keine Alternative
Im Durchschnitt kommen täglich etwa 2.000 Badegäste ins Hockermühlbad. Um die Wasserqualität aufrechtzuerhalten, werden pro Badegast jeden Tag etwa 30 Liter Frischwasser in das Badewasser der Schwimmbecken eingespeist. Das muss natürlich warm sein. Daher wird das Wasser zunächst vom BHKW auf 24 Grad Celsius erwärmt. Theoretisch könnte man das Badewasser auch über Solarkollektoren mit Sonnenenergie erwärmen. „In anderen Freibädern im Landkreis Amberg-Sulzbach gibt es das“, erzählt Bäderleiter Günter Schwarzer. Aber dafür würde viel Platz benötigt. Das Hockermühlbad besitzt zwar bis zu 50.000 Quadratmeter Freifläche. Doch diese kann zur Freude der Badegäste als Liegewiese genutzt werden. „Außerdem kann die Wassertemperatur bei Solarkollektoren sehr schnell auf 18 Grad Celsius sinken, wenn keine Sonne da ist“, sagt Günter Schwarzer. Aber das möchte er bei seinen temperaturempfindlichen Badegästen lieber nicht erleben.

Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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