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Energie im Quadrat

05.12.2016 | Text: Caren-Malina Butscher | Bilder: Robert Hack

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In über 100 Ländern der Welt zuhause, aber nur im Ländle daheim: Jede Tafel Ritter Sport, die irgendwo auf der Welt gegessen wird, stammt aus dem kleinen schwäbischen Städtchen Waldenbuch nahe Stuttgart. Rund drei Millionen Tafeln Schokolade laufen dort täglich vom Band. Ob Alpenmilch, Voll-Nuss oder Marzipan – neben Deutschland wird die quadratische Schokolade am liebsten in Russland, den USA und Italien gegessen. Für die Produktion von zuletzt über 70.000 Tonnen Schokoladenquadraten jährlich setzt Ritter Sport auf ein BHKW mit einem Gasmotor von MTU Onsite Energy – und deckt damit ein Drittel des Gesamtstrombedarfs.

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Die 29 Grad warme Schokolade wird in eine aufgewärmte,
quadratische Hülse gegossen.

Schokolade macht glücklich – so heißt es im Volksmund. Serotonin, der Botenstoff, der für die gute Laune zuständig ist, dürfte bei den Mitarbeitern von Ritter Sport ausreichend vorhanden sein. Wer sich der Produktionshalle nähert, dem steigt schon vor der Eingangstüre ein süßlicher, schokoladiger Duft in die Nase, der von Schritt zu Schritt stärker wird. Hier entsteht Schokolade, die in die ganze Welt geht. Egal ob eine Alpenmilch-Schokolade in Belgien, den USA oder Russland verkauft wird: Sie wurde in Waldenbuch gegossen. Bei der Produktion der Schokoladentafeln wird sowohl Wärme als auch Kälte benötigt. Die Energie dafür kommt aus der Energiezentrale innerhalb des Produktionsgebäudes – seit Mitte 2016 mit MTU-Motor. Das Herzstück ist ein Blockheizkraftwerk (BKHW) mit einem 16V 4000-Gasmotor von MTU Onsite Energy. Die Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage liefert nicht nur Energie, um Schokolade flüssig zu machen, sondern klimatisiert auch die Produktionshalle.

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Markus Maurer ist Produktionsleiter bei
Ritter Sport. Pro Tag werden hier 350 Tonnen
Rohstoffe verarbeitet.

Produktionstemperatur: 29 Grad
„Die Schokoladen-Produktion läuft rund um die Uhr im Dreischichtbetrieb und an rund 300 Tagen
im Jahr“, erzählt Markus Maurer. Er ist Produktionsleiter bei Ritter Sport. Die Produktion besteht aus sechs Hochleistungsanlagen und einer Überziehanlage. „Egal ob Mini, 65 Gramm Bio, 100 oder 250 Gramm-Tafel: Auf den sechs Linien wird das ganze Sortiment hergestellt“, erzählt Maurer. 1.400 Mitarbeiter sind bei Ritter Sport beschäftigt, rund 500 davon in der Fabrik. „Die Schokoladenmasse stellen wir selbst her – mit Kakaomasse, Kakaobutter, Zucker und Milchpulver“, sagt er. 350 Tonnen Rohstoffe werden so am Tag verarbeitet.


Wärme für die Rohre
Die Kakaobohne ist der Ursprung jeder Schokolade: Verschiedene Maschinen reinigen, rösten, schälen und mahlen die Bohnen. Dadurch entsteht eine duftende Kakaomasse, diese erhält Ritter Sport zur Weiterverarbeitung. Auf 40 Grad aufgeheizt vermischen Maschinen diese Masse dann mit Milchpulver, Kakaobutter und Zucker – zart fühlt sich das auf der Zunge aber noch nicht an. Erst die Walzen machen aus der Masse ein flockiges Schokoladenpulver. Durch das Conchieren, einem stundenlangen Rühren, wird die Schokoladenmasse zu dem, was sie ist: schokoladig. Die flüssige Schokolade wartet in großen Vorratsbehältern darauf, durch dicke Leitungen an die einzelnen Linien gepumpt zu werden. Die Leitungen bestehen aus zwei Rohren:
Die Motorwärme des BHKW heizt sowohl das Innenrohr, durch das die Schokolade fließt, sowie das Wasser im Außenrohr. Ansonsten würde die Schokolade fest werden, bevor sie weiterverarbeitet werden kann. Doch bei der perfekten Ritter Sport- Schokolade kommt es nicht nur auf die Inhaltsstoffe an, sondern auch auf die Temperatur: Bei konstanten 29 Grad erhält die Schokolade ihren vollen Geschmack und bekommt eine schöne, glänzende Oberfläche und Farbe.

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Ein Mitarbeiter überwacht den Herstellungsprozess.

Konstanter Energieverbrauch
„Die Abwärme aus dem Kühlwasser des Motors geben wir zum Heizen in die Fabrik“, sagt Dirk Rozema. Er ist der Projekt-Verantwortliche für das BHKW bei Ritter Sport. „Für unseren Bedarf ist das BHKW perfekt“, erzählt er. Seit 26 Jahren ist er Mitarbeiter bei Ritter Sport und war lange Maschinist auf Schiffen. „Mit Motoren kenne ich mich aus. Die MTU-Baureihe 4000 war mein Wunschmotor. Mein Bauchgefühl hat mir gesagt: Das ist er. Da wackelt nichts – das spürt man, wenn man ein Gefühl für den Motor hat“, erzählt Rozema mit einem zufriedenen Grinsen. „Wir verbrauchen die vom BHKW erzeugte Energie bei maximaler Leistung konstant über das ganze Jahr selbst.“, sagt er. Die Anlage hat einen Wirkungsgrad von 96 Prozent. Das BHKW liefert eine elektrische Leistung von 1.280 kW und eine thermische Leistung von 1.580 kW. „Für unseren Bedarf ist das BHKW perfekt ausgelegt. Es läuft rund ums Jahr mit 100 Prozent Nennleistung“, sagt Rozema. Geplant wurde das Projekt von der Firma Midiplan aus Bietigheim-Bissingen, die Firma Bosch KWK Systeme GmbH lieferte das Gasmotoraggregat und die Nebenanlagen mit getrennter Warm- und Heißwasserauskopplung als MTU-Systemintegrator an Ritter Sport.

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Eine Mitarbeiterin überprüft die Schokoladentafeln
auf  Aussehen und Qualität, bevor sie
verpackt werden.

Inhalt gut, alles gut
Pfefferminz, Erdbeer-Joghurt, Nugat: Bei der Vielzahl an Füllungen der Ritter Sport-Schokolade ist für jeden was dabei. Doch wie kommt die Füllung in die Schokolade? Die Gießmaschine gießt die temperierte Schokoladenmasse in eine angewärmte Form. Diese Form wird anschließend gewendet, sodass ein Teil der Masse wieder abfließt. In der Form bleibt ein dünner Schokoladenüberzug, die sogenannte Schokoladenhülse. So wird sie zunächst gekühlt. Dann wird entweder die Füllung, wie Joghurt oder Nugat, mittels einer Maschine in die Hülse gegossen oder ein Roboter legt beispielsweise Kekse ein. Ritter Sport stellt 22 Sorten der 100 Gramm-Tafeln, sechs Sorten Nuss-Klasse sowie acht Sorten der 250 Gramm-Tafeln her.

Dazu kommen je nach Saison – im Frühling, Sommer, Winter – drei zeitlich limitierte Saisonsorten. An neuen Ideen mangelt es den Mitarbeitern bei Ritter Sport nicht - egal ob süß und fruchtig oder herb und pur: Hinter verschlossenen Türen kreieren Mitarbeiter neue Sorten. In der Versuchsküche wird getestet, getüftelt, gekostet. Die Produktionsversuche verkauft Ritter Sport im eigenen Schokoladenshop in Waldenbuch an Neugierige und Schnäppchenjäger. Ob die neue Kreation ein Verkaufshit wird oder nicht, entscheidet schlussendlich der Kunde.

15 Minuten im Kühlschrank
Sobald die Füllung kühl und fest ist, wird der Schokoladendeckel gegossen. Die Energie des BHKW erwärmt dafür den Rand der Schokoladenform, damit die flüssige Masse die Schokolade komplett umhüllt. Überschüssige Schokoladenmasse streicht die Maschine ab. Die frisch gegossene Schokoladentafel ist nun fast fertig – und geht wieder in die Kühlung. Die Abgaswärme des BHKW erzeugt Kälte über eine Absorptionskältemaschine: Dadurch wird die Schokolade im Produktionsprozess und in der Lagerung kühl gehalten. Bei acht Grad bleibt die Schokolade für 15 Minuten im Kühlschrank. Letzter Produktionsschritt ist der Twister: Die Maschine verdreht die Formen, damit die Schokoladenquadrate sicher und unbeschädigt aus der Form gelöst werden können. Damit die Schokolade unbeschädigt im Supermarkt ankommt, geht es auf dem Schnelllaufband in die Verpackungsmaschine. Dort verpackt eine Maschine die Schokolade luftdicht und zeichnet sie mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum aus.

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Das Herzstück der Ritter Sport-Energiezentrale ist ein Blockheizkraftwerk mit einem
Gasmotor der MTU-Baureihe 16V 4000 von MTU Onsite Energy.
Ritter Sport verbraucht die vom BHKW erzeugte Energie bei maximaler Leistung konstant
über das ganze Jahr selbst.

15 Minuten im Kühlschrankrüne Energie für bunte Quadrate
Das Energiekonzept von Ritter Sport besteht aus zwei Säulen. Einen Teil produziert das Unternehmen über das eigene Blockheizkraftwerk und über Photovoltaikmodule selbst, den Rest bezieht Ritter Sport von den Elektrizitätswerken Schönau: Deutschlands Ökostrom-Pioniere aus der Schwarzwald-Region. Ritter Sport betreibt seit dem Jahr 2002 ein eigenes Blockheizkraftwerk. „Wir waren damals Vorreiter für BHKW-Anlagen in der Lebensmittelindustrie und wurden belächelt, weil sich das nicht lohne. Aber schnell war klar, dass die Energieerzeugung äußerst attraktiv ist. Denn die Strompreise sind in den vergangenen Jahren sehr stark angestiegen“, sagt Ritters BHKW-Chef Rozema. Nachhaltigkeit versteht Ritter Sport dabei nicht als Projekt, das irgendwann abschlossen ist, sondern als fortlaufenden Prozess. Im Frühjahr 2016 wurde das in die Jahre gekommene alte BHKW dann durch ein MTU-Aggregat ausgetauscht.

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Dirk Rozema ist verantwortlich für die Energieprojekte
bei Ritter Sport.

„Ein umweltfreundliches  Projekt, das zehn Prozent mehr kostet als normal, aber deutlich ökologischer ist – das setzen wir um“, erzählt der Projektverantwortliche Rozema. „Das ist nicht nur gut für die Energiekosten, sondern auch für die Umwelt“, erklärt er. Denn auch der Enkel des Firmengründers, Alfred Theodor Ritter ist der Meinung: Nur wer nachhaltig wirtschaftet, ist zukunftsfähig. Das ist einer der Grundsätze  des Familienunternehmens.

Kraft im Quadrat
Egal ob Kakao-Mousse, Knusper-Tortilla-Chips, Nuss-Splitter oder Trauben-Cashew – bei Ritter Sport geht es vor allem um die inneren Werte. Es geht um maximale Geschmacksfülle, um die richtige Konsistenz, um knackige Schokolade. Wer’s genießt, denkt in diesem Moment sicher nicht daran, dass diese Werte nicht zuletzt einer optimal eingestellten Kraft-Wärme-Kälte-Kopplungs- Anlage zu verdanken sind. Dies dennoch zu wissen, lohnt sich allemal.

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Ritter Sport-Schokoladentafeln gibt es in über 100 Ländern zu kaufen.
Die „Minis“ gibt es in zehn Sorten zu kaufen, die 100 Gramm-Tafeln
in insgesamt 28 Sorten.

Übrigens: Die Idee, quadratische Schokolade zu produzieren, hatten Alfred und Clara Ritter erst 1932, also 20 Jahre nach der Firmengründung. Es sollte eine Schokolade sein, die in jede Sportjacken-Tasche passt, ohne dass sie bricht, und das gleiche Gewicht hat wie die normale Langtafel. Dabei muss man wissen: Die Schokoladenfabrik in Waldenbuch lag zu dieser Zeit direkt neben einem Sportplatz. Und die Fußballfans nahmen sich zum Training immer eine Tafel Schokolade mit. So macht Sport Spaß!

Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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