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Strom stinkt nicht

12.05.2014 | Text: Karla Berndt | Bilder: Karla Berndt, MaxAgro

Blockheizkraftwerk, Chile

In Chile stinkt’s nicht mehr – zumindest nicht in der Kleinstadt Pichidegua. Denn dort hat MTU Onsite Energy ein Biogas-Blockheizkraftwerk errichtet. Dies erzeugt Strom für die umliegenden Anwohner. Ein Meilenstein in dem langgezogenen südamerikanischen Land, das wegen seiner geografischen Einzigartigkeit prädestiniert für den Einsatz dezentraler Energieerzeugung ist. Angenehmer Nebeneffekt der Biogas-Anlage: Die Gülle der Schweine stinkt nicht mehr, sondern wird zu Biogas fermentiert.

Wir sind auf der Fahrt von der Hauptstadt Santiago in Richtung Süden. Nach drei Stunden erreichen wir Pichidegua, einen kleinen Ort im Zentrum Chiles mit rund 18.000 Einwohnern. Hier in der Nähe befinden sich sieben Schweinemastanlagen der Firma MaxAgro. Auf einer schmalen Landstraße suchen wir den Eingang zu einer davon, Las Pampas, finden das Tor aber erst nach mehrmaligem Vorbeifahren. Nichts deutet darauf hin, dass hier, nur wenige Meter entfernt hinter einem Maisfeld, tausende Tiere gehalten werden: kein Geruch, keine Fliege…

Das überrascht, da im Jahr 2012 die Proteste der Anwohner einer Schweinemast- und -schlachtanlage mit 450.000 Tieren im Norden Chiles Schlagzeilen machten: Die Holding Agrosuper S.A., mit einem Jahresumsatz von mehr als 1,1 Milliarden US-Dollar und rund 15.000 Beschäftigten einer der größten Fleischproduzenten des Landes, musste am Ende die Anlage schließen. Der Grund: Die Bevölkerung protestierte heftig gegen den Gestank der Schweine und die Fliegenschwärme. Die chilenische Regierung bezeichnete die Vorgänge als „sanitäre Katastrophe”.

The Chilean pig-farming operation MaxAgro rears 130,000 porkers. In the past their foul-smelling slurry generated anger among local residents. Now it is used to produce biogas to fuel a modular CHP plant.?
130.000 Schweine hält der chilenische Mastbetrieb
MaxAgro. Bisher führte deren stinkende Gülle zu
Protesten der Anwohner. Jetzt entsteht aus der
Gülle Biogas, das ein Blockheizkraftwerk antreibt.

Die erste Biogasanlage Chiles
130.000 Schweine hält MaxAgro in seinen Anlagen, die im vergangenen Jahr ebenfalls Schlagzeilen in Chile machten – jedoch nicht wegen protestierender Anwohner. Das Unternehmen ist das erste Chiles, das eine Biogasanlage installiert hat, die aus Schweinegülle Energie erzeugt. „Wir wollten eine umweltfreundliche und rentable Lösung für die Produktion von Schweinefleisch finden“, berichtet MaxAgro-Geschäftsführer Cristián Kühlenthal. „Bereits seit dem Jahr 2008 haben wir Fermenter installiert, um Geruchsbelästigungen einzuschränken, aber die Abfälle haben wir lediglich als Dünger verwendet. Eine Biogasanlage von MTU Onsite Energy, mit der wir aus den entstehenden Gasen Energie produzieren, war für uns ein ganz neuer Ansatz”, erklärt Cristián Kühlenthal, und ergänzt: „Ohne umweltfreundliche Lösungen ist heute auf lange Sicht kein Geschäft rentabel.”

6.400 Megawattstunden Energie im Jahr
Gemeinsam mit Genera Austral, einem chilenischen Betreiber von Biogasanlagen, entwickelte der Schweinemastbetrieb MaxAgro ein Geschäftsmodell. Sie rüsteten nicht nur den MaxAgro-Standort in Pichidegua, sondern auch in Santa Irene mit einem Blockheizkraftwerk von MTU Onsite Energy aus. Beide sind mit einem Motor der Baureihe 400 ausgestattet und erzeugen jeweils 400 Kilowatt elektrische und 462 Kilowatt thermische Energie. „Pro Jahr erzeugen wir mit beiden Anlagen 6.400 Megawattstunden Energie, die wir ins öffentliche Stromnetz einspeisen“, berichtet Kühlenthal. Mit der Wärmeenergie, die dem Motorkühlwasser und dem Abgas entzogen wird, heizt das Unternehmen im Winter die Schweineställe. „Mit dem Strom, den wir aus den beiden Anlagen gewinnen, können etwa 2.500 Familien in der Umgebung versorgt werden“, erzählt Cristián Kühlenthal.

Fernwartung dank Remote-Control-System
Betreut wird die Anlage von Detroit Chile, dem Vertreter von MTU Onsite Energy in Chile. „Wir können die technischen Parameter der Anlage rund um die Uhr mit einem Remote-Control-System überwachen und so bei eventuellen Unregelmäßigkeiten sofort reagieren“, erzählt Cristobal Orcos von Detroit Chile und betont, dass seine Techniker dafür bei MTU Onsite Energy in Augsburg ausgebildet wurden.

Aus Biomasse wird Strom
Das Prinzip der Anlage ist identisch mit dem der schon zahlreich in Europa installierten Biogasanlagen: Feste und flüssige Abfälle (Purin) aus den Schweineställen werden in einen Fermenter gepumpt, der sich unter einem zeltähnlichen Runddach (Dom) befindet. „Wir nennen den Dom spaßeshalber gerne ‚Zementkuh’, da in seinem Inneren die Fermentierung ebenso abläuft wie in der Natur in den Mägen der Wiederkäuer”, witzelt Matías Errázuriz, Geschäftsführer von Genera Austral und Betreiber der Anlage. „Er ist hermetisch geschlossen, und am Ende werden lediglich die nun schon fast geruchlosen Reste in ein Becken geleitet und für die biologische Düngung umliegender Felder genutzt.“ Der sieben Meter tiefe Fermenter mit einem Durchmesser von 40 Metern fasst etwa 6.000 Kubikmeter Biomasse. Diese wird darin vermischt und fermentiert, so dass sich Biogas mit einem 50 bis 60 prozentigen Methangehalt bildet. Bevor das Gas in den Motor gepumpt wird, wird es über unterirdische Leitungen durch einen Aktivkohlefilter geleitet, um den Schwefelanteil zu reduzieren. 

20 Prozent erneuerbare Energien bis 2025
Bei der Eröffnung der neuen Biogasanlage in Las Pampas waren im November vergangenen Jahres die chilenische Umweltministerin María Ignacia Benítez und Energieminister Jorge Bunster anwesend. Bunster unterstrich das große Potenzial von Biogas als Energiequelle, das „bis zu 10.000 Gigawattstunden pro Jahr erreichen kann und zu 42 Prozent aus der Viehzucht stammen wird”. Ministerin Benítez verwies auf die wachsende Bedeutung nachhaltiger Energieerzeugung und hob hervor, dass das von Genera Austral für MaxAgro entwickelte Projekt ein „wichtiger Beitrag ist, das Gesetz 20/25 zu erfüllen. Dieses sieht vor, dass der Anteil erneuerbarer Energien am chilenischen Strommix bis zum Jahr 2025 20 Prozent ausmachen muss.

„Unsere Tür steht jedem offen.“
Cristián Kühlenthal ermutigte bei der Eröffnung andere Unternehmen der Branche, nicht nur in die Aufbereitung ihrer biologischen Abfälle zu investieren, sondern mit der Erzeugung von Energie einen Schritt weiter zu gehen. „Unsere Tür steht jedem offen, der sich von der Effizienz und Nachhaltigkeit unserer Projekte vor Ort überzeugen möchte”, sagt der Geschäftsführer von MaxAgro, der auch die anderen Schweinemastanlagen seines Unternehmens entsprechend umrüsten will. Ein ganz wichtiger Punkt ist die Reaktion der im Umfeld lebenden Bevölkerung. „Als Unternehmen wollen wir natürlich Gewinn erzielen, aber gleichzeitig Technologien einsetzen, die höchsten internationalen Standards – wie dem deutschen – entsprechen, und zwar gemeinsam mit den Menschen, die in der Nähe leben. Dafür müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten und Vorurteile überwinden”, so Kühlenthal. 

Christian Kühlenthal is the CEO of the Chilean pig-farming concern, MaxAgro. “Generating energy from biogas is something entirely new for us,” he explains.?
Cristián Kühlenthal ist Geschäftsführer des
chilenischen Schweinemastbetriebes MaxAgro.
„Aus Biogas Energie zu erzeugen, war für uns ein
ganz neuer Ansatz“, erzählt er.

Dezentrale Energieversorgung als Chance
Chile ist mit einer Länge von etwa 4.300 Kilometern und einer durchschnittlichen Breite von nur fast 200 Kilometern eines der ungewöhnlichsten Länder der Welt: Legte man Chile auf die Weltkarte, würde es von Grönland bis nach Marokko reichen. Diese besondere Geographie prädestiniert das Land, in den Ausbau einer dezentralen Energieversorgung zu investieren. In der Vergangenheit versuchte das Land, mit konventionellen, großen thermischen Kraftwerken und gigantischen Nord-Süd-Trassen die stark steigende Nachfrage zu bedienen. Seit einigen Jahren denkt die chilenische Regierung aber um. Denn das Land ist abhängig davon, Energie zu importieren und dies zu immer höheren Preisen. Zudem sind die Stromnetze überlastet und die Versorgung unsicher. Dezentrale Lösungen sind eine Chance, diese Probleme zu beheben.

„Der Markt ist riesig.“
Im Laufe der kommenden zwei Jahre rechnet Cristobal Orcos von Detroit Chile damit, weitere Biogasanlagen von MTU Onsite Energy in dem südamerikanischen Land zu installieren. Auch Genera-Austral-Geschäftsführer Matías Errázuriz, ist optimistisch: „In Chile gibt es einen riesigen Markt dafür, Energie aus Biogas zu erzeugen – nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch auf Mülldeponien, in der Forst- und Lachswirtschaft, in der Lebensmittelindustrie und im Lebensmittelgroßhandel.“ Doch neue Technologien in einem Land zu integrieren, brauche seine Zeit. „Wenn man bedenkt, dass es in Deutschland rund 7.800 Biogasanlagen gibt, die zusammen 3.400 Megawattstunden elektrische Energie erzeugen, dann ist in Chile noch viel Potenzial, denn wir haben ja viel mehr landwirtschaftliche Betriebe als die Deutschen“, sinniert er. Genera Austral hat bereits einen Investitionsplan für den Bau von weiteren Anlagen dieser Art in den kommenden Jahren erstellt. Denn damit lösen sie gleich zwei Probleme: Strom und Wärme entstehen dezentral und sauber. Und die Abfälle von Schweinen, Hühnern und Rindern führen nicht zu Protesten der Anwohner.

Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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