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Unterweser unbeschäftigt

25.11.2014 | Text: Anne-Katrin Wehrmann | Bilder: Andreas Burmann

Unterweser, BHKW, Kernkraftwerk, E.ON

Zwei Megawatt Leistung eines Blockheizkraftwerks (BHKW) sind im Vergleich zu dem, was ein Kernkraftwerk an Energie erzeugen kann, kaum erwähnenswert. Doch seit in Deutschland wegen des politisch gewollten Atomausstiegs die ersten Kernkraftwerke vom Netz gehen, werden BHKWs immer wichtiger. Auch innerhalb eines Kernkraftwerks – wie das Beispiel Unterweser zeigt. Dies erzeugt seit gut dreieinhalb Jahren keine eigene Energie mehr. Ein BHKW von MTU Onsite Energy ist dafür jetzt eingesprungen: Es liefert Strom und Wärme für den ehemaligen Energiegroßerzeuger.

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Dominic Ransby arbeitete als Schichtleiter im Kernkraftwerk
Unterweser. Als dieses jedoch vom Netz ging,
musste er sich eine neue Aufgabe suchen und betreut heute
als Betriebsingenieur das Blockheizkraftwerk.

Eben noch auf der viel befahrenen Autobahn zwischen Bremen und Bremerhaven unterwegs, erwartet den Besucher auf der anderen Seite der Weser urplötzlich das sprichwörtliche platte Land. Kleine Straßen führen durch Felder, auf denen Kühe und vereinzelte Windkraftanlagen stehen. Auf dem Deich grasen Schafe, die das vorbeirauschende Auto interessiert mit ihren Blicken verfolgen. Mitten in der Idylle, nicht weit vom Dörfchen Kleinensiel und nur einen Steinwurf vom Unterlauf der Weser entfernt, ragt die Betonkuppel eines Kernreaktors in die Höhe. Gut 30 Jahre lang war das Kernkraftwerk Unterweser (KKU) größter Stromproduzent der Region. Nach den Ereignissen von Fukushima wurde es innerhalb von wenigen Tagen selbst zum Großstromverbraucher.

„Wir konnten uns all die Jahre gut mit unseren Jobs identifizieren und haben einen schönen Lebenszweck darin gesehen, viel Strom für wichtige Dinge zu erzeugen“, berichtet  Ingenieur Dominic Ransby eine knappe halbe Stunde und eine aufwendige Überprüfung durch Sicherheitsleute später auf dem Betriebsgelände. Damit war unvermittelt Schluss, als die Bundesregierung im März 2011 die sofortige Abschaltung der ältesten deutschen Kernkraftwerke beschloss. Seither befindet sich das KKU im „dauerhaften Nichtleistungsbetrieb“. Das Wort „Stilllegung“ existiert derzeit im Sprachgebrauch von E.ON noch nicht: Das Unternehmen geht gerichtlich gegen den entschädigungslosen Entzug der Betriebserlaubnis vor. Bevor die Gerichte über die Klagen entschieden haben, kann nicht mit dem Rückbau begonnen werden.

Nur noch Stille
Im Maschinenhaus öffnet Dominic Ransby kurz darauf die Tür zur riesigen Turbinenhalle. „Früher schlugen einem hier Hitze, der Geruch von warmem Öl und Lärm entgegen“, erzählt er. „Jetzt ist hier nur noch Stille.“ Die Hochdruckturbine und die drei Niederdruckturbinen, die einst von dem Wasserdampf angetrieben wurden, den die bei der Kernspaltung im Reaktor nebenan frei gewordene Wärme erzeugte, schweigen stumm vor sich hin.

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Nur noch Stille: Die drei Niederdruckturbinen, die den
Generator angetrieben und somit Strom erzeugt haben,
sind heute nicht mehr im Einsatz.

Emotional werde er beim Anblick der nunmehr leblosen Anlage nicht, sagt Ransby. „Wir haben sie jahrelang gehätschelt und auf sie aufgepasst, aber als Ingenieur ist es mir am Ende egal, ob ich etwas aufbaue oder abbaue.“ Dass einige seiner Kollegen das anders sehen und durchaus ihre Probleme mit der aktuellen Situation haben, ist dem 50-Jährigen bewusst. Natürlich spreche man über die Zukunft: „Viele hier machen sich Sorgen, wie es weitergeht.“ Von den Anfang 2011 noch knapp 400 E.ON-Mitarbeitern im KKU sind inzwischen nur noch gut 200 übrig geblieben, und auch sie werden nicht alle bis zum Abschluss des Rückbaus bleiben können. Gut zehn Jahre soll das dauern, wenn es einmal losgegangen ist. Ransby selbst wird sich in seinem Berufsleben wohl keinen neuen Job mehr suchen müssen – er wird aller Voraussicht nach bis zum Ende dabei sein und anschließend in Rente gehen.

Zwei Megawatt Energie vom BHKW
Eine neue Aufgabe innerhalb des verbliebenen Tagesgeschäfts hat er sich allerdings schon suchen müssen. „Die Veränderungen nach der Abschaltung haben uns allen einiges an Flexibilität abverlangt“, sagt er. Da passte es gut, dass sein Kollege Dr. Uwe Werner, wie er selbst früher Schichtleiter und als solcher für den Betrieb des KKU verantwortlich, den Bau eines Blockheizkraftwerks zu planen begann und er in das Projekt mit einsteigen konnte. „Wir brauchen hier nach wie vor relativ viel Energie“, erläutert Werner, „unter anderem für die Pumpen, die Kühlung der Brennelemente und die ganz normale Gebäudeinfrastruktur.“ Insgesamt liegt der Eigenbedarf aktuell bei 3,5 Megawatt an Strom und – je nach Außentemperaturen – bis zu vier Megawatt an Wärme. Einen guten Teil davon liefert seit Anfang 2014 ein BHKW von MTU Onsite Energy mit einem Gasmotor der Baureihe 4000.

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Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Uwe Werner (rechts) hat
Dominic Ransby (links)  die Einbindung des Blockheizkraftwerks
im KKW Unterweser geplant.

Die in einem Container untergebrachte Anlage steht im äußeren Bereich des Geländes direkt zwischen Maschinenhaus und Weserdeich auf einem massiven Fundament. Sie erzeugt dort knapp zwei Megawatt elektrische Energie sowie 2,2 Megawatt thermische Energie, wobei sie einen Wirkungsgrad von rund 86 Prozent erreicht. „Damit sparen wir Kosten, weil wir nur noch einen Teil des benötigten Stroms aus dem Netz ziehen müssen und fast unseren kompletten Wärmebedarf wieder selbst decken können“, berichtet Ransby.

Hilfskessel springt ein, wenn es kalt wird
Nur ein paar kalte Wochen im Jahr reicht die Wärmeproduktion des BHKWs nicht aus, dann springt einer der beiden vorhandenen Hilfskessel ein. Früher waren die auf 12,7 Megawatt ausgelegten und mit Öl betriebenen Kessel da, um die kurzen Stillstandszeiten für den etwa jährlich stattfindenden Brennelementewechsel zu überbrücken. Um die Kosten weiter zu reduzieren und außerdem die Umwelt zu entlasten, wird einer von ihnen gerade von Öl auf Gas umgestellt und zugleich auf eine Leistung von 4,5 Megawatt angepasst. Möglich ist das nur, weil im Rahmen der BHKW-Installation ohnehin eine Gasleitung auf das Gelände gelegt worden war. Darüber hinaus werden die Hilfskessel weiterhin benötigt, weil sie anders als das BHKW Dampf erzeugen können. „Und den brauchen wir zur Wasseraufbereitung“, sagt Ransby. Wasseraufbereitung – im Kernkraftwerk heißt das: kontaminiertes Wasser zu verdampfen, das zum Beispiel als Kühlmittel für die Brennelemente benutzt wurde. Sobald sich eine bestimmte Menge angesammelt hat, werden die Kessel zu diesem Zweck vorübergehend in Betrieb genommen.

Ransby und Werner sind froh, mit dem Blockheizkraftwerk ein neues interessantes Projekt gefunden zu haben, um das sie sich kümmern können. „Mit wasserhydraulischen Anlagen und Verbrennungsmaschinen kennen sich Leute im Kernkraftwerk aus, darum ist das für uns kein Hexenwerk“, meint Werner. „Es ist eine schöne Aufgabe, die uns Spaß macht.“ Und die Zuverlässigkeit des BHKWs sei hervorragend, ergänzt Ransby. Dass MTU Onsite Energy zu dem engen Anbieterkreis eines BHKWs gehören würde, war für die beiden von Anfang an klar. Schließlich wurden auch die Notstromaggregate vor Jahren von MTU geliefert und sind seither erfolgreich im Einsatz. Insgesamt sieben von ihnen gibt es über das Gelände verteilt: allein vier für die sicherheitsrelevanten Anlagen des KKU (alles, was sicherheitsrelevant ist, gibt es mehrfach), zwei „Notstandnotstromaggregate“ (falls die Notstromdiesel einmal ausfallen sollten) sowie ein weiteres für nicht sicherheitsrelevante Anlagen.

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Ein Blockheizkraftwerk liefert dem KKW Unterweser knapp zwei Megawatt
elektrische und thermische Energie.

Ziel: Grüne Wiese
Wenn alles nach Plan läuft, wird das BHKW bei der Energieversorgung des Kernkraftwerks noch mindestens zehn Jahre lang eine tragende Rolle spielen – so lange, bis von dem ehemaligen Großstromproduzenten an der Unterweser nur noch eine grüne Wiese übrig geblieben ist. „Sobald der Rückbau beginnt, werden wir wieder mehr Strom brauchen, weil dann einfach mehr Geräte im Einsatz sind“, sagt Ransby. „Das wird ein völlig anderes Projekt als der Abriss eines konventionellen Kraftwerks. Alles muss einzeln demontiert und bei Bedarf dekontaminiert werden, jede Schraube wird einzeln protokolliert.“ Eine Kontamination sei letztlich nichts anderes als eine radioaktive Verschmutzung, die sich säubern lasse wie gewöhnlicher Dreck. Der weit überwiegende Teil der Materialien aus dem KKU könne daher anschließend der Wiederverwertung zugeführt werden. „Nur ein geringer Teil ist tatsächlich radioaktiv und muss ins Endlager – bei einer Gesamtrückbaumasse von 300.000 Tonnen nur ganz wenige Prozent.“

Bis es so weit ist, werden die benutzten Brennelemente unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen auf dem Gelände des KKU gelagert. Die älteren stehen in Castorbehältern verschlossen in einem 2007 eingerichteten Zwischenlager, die jüngeren befinden sich noch im Reaktorgebäude. Dorthin führt auch die letzte Station des Rundgangs. Vor dem Betreten der Kuppel müssen Schutzanzüge und Sicherheitsschuhe angezogen werden, ein Dosimeter misst permanent die Strahlenbelastung. Durch eine Druckschleuse geht es ins Innere und schließlich zum Abklingbecken, das auf den ersten Blick kaum anders aussieht als ein kleines Schwimmbecken. Bei näherem Betrachten sind dann aber auf dem Boden deutlich die Brennelemente zu erkennen, die dort durch das mit Borsäure versetzte Wasser gekühlt werden. Nicht weit entfernt steht ein großes Gerüst auf dem Boden, der sich an dieser Stelle öffnen lässt. Direkt darunter befindet sich der Reaktordruckbehälter. Dominic Ransby blickt hinüber und lächelt. Früher war er oft der Letzte, der nach einem Wechsel der Brennelemente die riesigen Schrauben kontrolliert hat. „Das kann auch nicht jeder von sich sagen“, meint er nachdenklich, „dass er als Letzter auf dem Reaktordeckel gestanden hat.“

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