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18.01.2017 | Text: Rolf Behrens | Bilder: Robert Hack, Rolf Behrens

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Antriebssysteme sind heute so komplex, dass zu deren Betrieb und Wartung große Mengen an Informationen nötig sind. MTU liefert diese Daten auch in digitaler Form. Anschauliche 3D-Videos ergänzen zunehmend die gedruckte Bedienungsanleitung.

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Die aufwendige Animation sorgte auf der Wehrtechnikmesse
Eurosatory in Paris für Aufsehen. Dort wurde das Produkt erstmals
der Fachöffentlichkeit präsentiert.

Ein handelsüblicher Flachbildschirm stahl dem Original-PowerPack des Schützenpanzers Puma die Schau auf der Wehrtechnikmesse Eurosatory in Paris. Eigentlich dominierte das leistungsstarke Antriebssystem den MTU-Stand. Doch der heimliche Star war für Fachbesucher aus aller Welt die Darstellung auf dem dahinter montierten Monitor: eine extrem detaillierte, beinahe hyperrealistische 3D-Animation des Puma-PowerPacks, die auf der Messe Weltpremiere feierte. Sie verlieh dem Betrachter eine Art Röntgenblick, dank dem er eine Reise durch den täuschend echt modellierten Motor unternehmen konnte. Delegationen aus aller Welt folgten so dem Strom der Luft durch die verschiedenen Bauteile und betrachteten staunend die sonst verborgenen Bewegungen von Kolben, Ventilen und Turbinenschaufeln. Wie von Geisterhand konnten der tonnenschwere Antrieb zudem um alle Achsen gedreht und einzelne Baugruppen herausgehoben werden.

Verstärkter Lerneffekt dank 3D
Was viele Fachbesucher auf der Messe begeisterte, ist das neueste Produkt des Teams von Ulrich Korioth, bei MTU zuständig für die technische Dokumentation für Behördenprojekte. „Die interaktive Funktionsdarstellung des Puma-PowerPacks haben wir für die Bundeswehr erstellt“, erklärt Korioth. „Die verwendet sie nun im Ausbildungszentrum Technik Landsysteme in Aachen zur Schulung von Soldaten der Instandsetzungstruppe.“

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Ulrich Korioth und sein Team verwenden Prinzipien der Industrie
4.0, um zukunftsweisende Funktionsdarstellungen und
Betriebsanleitungen zu erstellen.

Die Software ermöglicht eine außergewöhnlich anschauliche Erklärung der Funktionsweise des Antriebssystems – in Details und Blickwinkeln, die am realen Gerät niemals möglich wären. Neben der reinen Funktionsdarstellung können auch dynamische Prozesse im Motor dargestellt werden, etwa bei verschiedenen Drehzahlen. Bei künftigen Projekten können auch Fehler simuliert werden. Der Lerneffekt wird deutlich erhöht, weil jede einzelne Schraube und jedes Kabel genau aussieht wie im Original, in bisher von solchen Darstellungen nicht gewohnter Detailtreue.

3D-Videos unterstützten Intensivnutzung
Korioth und sein Team können jedoch noch weit mehr, als nur die Funktion von Antriebssystemen anschaulich in 3D darzustellen: Auch die Wartung und Reparatur von MTU-Motoren werden für den Kunden durch Produkte der technischen Dokumentation vereinfacht. Als Teil eines Wartungssystems, wie etwa der MTU-eigenen Entwicklung Callosum MT für die Schifffahrt, können Besatzungen anstehende Wartungsvorgänge oder nötige Reparaturen in 3D-Videos anschauen und entsprechend ausführen: Wenn zum Beispiel eine Kühlmittelpumpe getauscht werden muss, so zeigt das System dem zuständigen Monteur auf seinem Laptop exakt, an welcher Stelle er welche Schrauben entfernen muss und welches Werkzeug, Ersatzteil und Verbrauchsmaterial er dafür benötigt.

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Die Bundeswehr nutzt das interaktive Programm zur Schulung von Soldaten.
Es erlaubt eine anschauliche Erklärung aller Funktionen des Antriebs
– auch per Röntgenblick ins Innere.

Wie ein Youtube-Tutorial
Diese Anleitungsfilme dürften viele junge Monteure an die Tutorial-Videos von Youtube und anderen Video-Kanälen erinnern: Dort lassen sie sich vom Fahrradschlauchwechsel über das Krawattenbinden bis hin zur Autoreparatur fast alles anschaulich erklären. Dank solcher Filme können etwa auf einem Marine-Schiff auch weniger erfahrene Mechaniker Wartungen ohne großen Zeitverlust in hoher Qualität erledigen. Die MTU-Wartungsanimationen sind damit die zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen vieler Kunden: Die gleiche Anzahl von Fahrzeugen und Maschinen muss aufgrund von finanziellen Kürzungen und Fachkräftemangel von immer weniger Personal betrieben und gewartet werden – und das bei gleichzeitig steigender Komplexität der Systeme und oftmals strikten Arbeitszeitrichtlinien. Die Deutsche Marine etwa verfolgt bei ihren neuen Fregatten der Klasse F125 das Konzept der Intensivnutzung: Die Schiffe sollen für jeweils zwei Jahre ununterbrochen im Einsatz sein, bei Wechsel der Besatzung alle vier Monate. Möglich wird dies unter anderem durch die langen Wartungsintervalle der MTU-Motoren an Bord – und durch den Einsatz von Callosum MT mit den 3D-Wartungsanleitungen.

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Als sei der Rest des Motors aus Glas: Einzelne Baugruppen
können hervorgehoben und bei verschiedenen
Drehzahlen animiert werden.

Dokumentation 4.0
Die Vermittlung von Wissen darüber, wie der Antrieb funktioniert und gewartet werden muss, ist eine zugleich klassische und hochaktuelle Aufgabe der technischen Dokumentation von MTU: „Was wir machen, ist der Inbegriff von Industrie 4.0“, erklärt Ulrich Korioth. „Wir schaffen die Verbindung zwischen unseren Kunden und den vorhandenen Informationen und sorgen dafür, dass diese im richtigen Moment so vorliegen, dass sie für den Kunden nutzbar sind.“ Dies ist für Kunden oftmals ein entscheidender Aspekt, wenn sie ein Antriebssystem kaufen.

MTU stellt auf Wunsch alle Daten in digitaler Form bereit, so dass sie einfach in Kundensysteme übertragen und mit anderen Quellen – etwa der Gesamtlogistik eines Schiffes – verbunden werden können. Die klassische Bedienungsanleitung auf Papier ist nur noch ein Nebenprodukt, das als Backup dient. In naher Zukunft könnten die MTU-Anleitungen auch als Apps für mobile Endgeräte wie zum Beispiel Smartphones verfügbar sein. Damit verbunden ist ein vielfacher Kundennutzen: Anleitungen werden nicht nur viel anschaulicher, sie können auch problemlos in die digitalen Systeme der Kunden integriert werden. Und auch die Lieferung von ganzen Europaletten voller Papier, die heute noch Standard ist, könnte so obsolet werden.

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Auch dem Kraftstoff kann man vom Tank bis zur Brennkammer folgen.
Per Mausklick werden die Leitungen transparent und die verschiedenen
Treibstoffdrücke farbig dargestellt.

„Beim Erstellen von digitalen Dokumentationen ist der wichtigste Grundsatz, Daten standardisiert zu erfassen“, erklärt Ulrich Korioth. Jede Information wird nach einem festen System definiert, sozusagen verschlagwortet. Dabei hält sich MTU schon seit dem Jahr 2000 an internationale Digital-Standards, die in der Industrie und bei Streitkräften, wie zum Beispiel auch bei der Bundeswehr, angewandt werden. Die Einhaltung dieser einheitlichen Spezifikationen gewährleistet, dass die Informationen problemlos in verschiedensten digitalen Systemen wiederverwendet und vollkommen integriert werden können. Das gilt auch für die erwähnten 3D-Modelle. Diese Wiederverwendbarkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, ohne die Industrie 4.0 nicht funktionieren könnte. „Bei dieser technischen Entwicklung ist die technische Dokumentation von MTU ganz vorne mit dabei“, sagt Ulrich Korioth. 

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Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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