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Ein Motor für den Weltmarkt

12.04.2016 | Text: Yvonne Wirth | Bilder: Stefan Söll

Emission Flex Package

EU Stufe V, EPA Tier 4 final, China 3 oder Japan 4 – weltweit werden immer unterschiedlichere Emissionsstufen beschlossen. Es gibt nur noch wenige Länder, in denen gar keine Emissionsregelungen gelten. Dies stellt Baumaschinenhersteller vor die Herausforderung, für jedes neue Modell unterschiedliche Varianten vorzuhalten, deren Bauraum dem je nach Emissionsvorgabe zugelassenen Motor entspricht. Auch im Gebrauchtmarkt können Fahrzeuge mit Hightech-Motoren nicht ohne weiteres in Länder mit stärkerem Schwefelanteil im Dieselkraftstoff verkauft werden. Die Nachfrage nach einem Motor für den Weltmarkt wächst. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, hat MTU nun ein Emission Flex Package entwickelt. Dieses ermöglicht Kunden, Motoren auch in Ländern zu betreiben, in denen unterschiedliche Emissionsanforderungen gelten und Kraftstoffe mit einem höheren Schwefelanteil verwendet werden. Motorensysteme, die bisher nur für stark emissionsregulierte Märkte mit Abgasnachbehandlung entwickelt wurden, können nun außerhalb dieser hochregulierten Länder mit speziell entwickelter Motorsoftware ohne aufwändige Abgasnachbehandlung betrieben werden. In den hochregulierten Ländern ist ein Betrieb der Motoren dann nicht mehr zugelassen, was durch entsprechende Prozesse und das Entfernen der Emissionskennzeichnungen sichergestellt wird. Da an der eigentlichen Hardware des Motors nichts verändert werden muss und damit auch kein aufwändiger Umbau nötig ist, wird dem Hersteller oder Betreiber des Fahrzeugs der Verkauf in verschiedene Länder erleichtert. Frank Bühl, Director Sales Industrial , und Oliver Moll, Teamleiter Produktentwicklung Service, stellen dieses vor.

Herr Bühl, warum hat MTU ein Emission Flex Package entwickelt?
Bühl: Wir haben heute modernste Motoren mit Abgasnachbehandlungssystemen (Adblue-Einspritzung), die vor allem für Länder mit hohen Anforderungen an Emissionen wie Europa oder USA entwickelt werden. Der Bedarf der Kunden zeigt uns aber, dass zum einen beim Gebrauchtmarkt die Fahrzeuge vor allem in Länder außerhalb Europas und USA mit weniger stringenten Emissionsanforderungen in den Wiederverkauf gehen. Zum anderen sind Neufahrzeuge natürlich für den weltweiten Einsatz konzipiert. Daher benötigen die Kunden Motorsysteme, die weltweit mit unterschiedlichen Dieselqualitäten, unter anderem in Bezug auf die Schwefelanteile, betrieben werden können. Damit können wir unserem OEM, dem Fahrzeughersteller, eine gewisse Flexibilität zurückgeben.

Und warum wird diese Entwicklung gerade jetzt benötigt?
Moll: Inzwischen haben die ersten Bau- beziehungsweise Landmaschinen mit Hightech-Motoren ein Alter erreicht, in dem sie auf dem Gebrauchtmarkt verkauft werden. OEMs nutzen den Markt der Länder ohne Emissionsrichtlinien, um dort ihre gebrauchten Maschinen zu verkaufen. MTU wiederum möchte OEMs bei diesen Verkauf unterstützen, um somit auch den Verkauf von Neumotoren zu fördern.

Wie sieht die technische Lösung hinter dem Emission Flex Package aus?
Moll: Wir haben bei unserer Lösung darauf geachtet, dass die Motoren-Hardware für einen störungsfreien Betrieb nicht umgebaut werden muss. Dadurch spart der Kunde deutlich Zeit und natürlich auch Geld. Mit Hilfe des Emission Flex Package wird ein neuer Datensatz auf den Motor aufgespielt, er wird geflasht. Motorensysteme, die bisher nur für stark emissionsregulierte Märkte mit Abgasnachbehandlung entwickelt wurden, können nun außerhalb dieser hochregulierten Länder mit speziell entwickelter Motorsoftware ohne aufwändige Abgasnachbehandlung betrieben werden. Tier 4 interim-Motoren erreichen nach dem Flashen keine Emissionsstufe mehr, Tier 4 final-Motoren erreichen die Grenzwerte gemäß den EU Stage IIIA-Vorschriften.

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Frank Bühl ist Director Sales Industrial bei MTU.

Welche Kraftstoff-Zusammensetzungen werden weltweit getestet, um dem Kunden einen reibungslosen Einsatz mit einem Emission Flex Package zu garantieren?
Bühl: Wir gehen davon aus, dass weltweit der Schwefelanteil im Kraftstoff immer weiter absinkt. Da die Infrastruktur in den einzelnen Ländern ausgebaut wird, wird sich die Versorgung mit Dieselkraftstoff mit niedrigem Schwefelgehalt deutlich verbessern. Denn die Länder müssen davon ausgehen, dass zum Beispiel auch Pkws und Lkws mit gleicher Technologie, die auch in allen Ländern fahren, ebenso Diesel mit geringem Schwefelanteil benötigen. Wir rechnen damit, dass in den nächsten paar Jahren ein Schwefelanteil von maximal bis zu 500ppm im Diesel der weltweite Standard sein wird.

Für welche Baureihen wird das Emission Flex Package angeboten?
Bühl: Das Emission Flex Package wird als Nachrüstlösung für Tier 4 interim-Motoren der Baureihen OM 900, 460 und 500 ab sofort angeboten. Für Motoren der Baureihen 1000 bis 1500 für die Emissionsstufen Tier 4 final und EU Stufe IV, wird das Emission Flex Package für Neumotoren sowie als Nachrüstlösung bereits in 2016 angeboten.

Gibt es bereits MTU-Motoren mit einem Emission Flex Package im Einsatz?
Bühl: Ja, wir haben verschiedene Kunden, die bereits Tier 4 interim-Motoren mit einem Emission Flex Package ausgerüstet haben - für unterschiedlichste Anwendung in verschiedenen Ländern.

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Oliver Moll ist Teamleiter
Produktentwicklung Service bei MTU.

Emission compliance spielt beim Flashing eine große Rolle. Wie sichert MTU sich hier ab?
Moll: Um dies zu gewährleisten, kann das MTU Emission Flex Package nicht durch Endkunden selbst, sondern nur über von MTU autorisierten Fachkräften abgewickelt werden. Endkunden müssen sich somit an ihren zuständigen OEM wenden. Mit dem OEM wird zunächst ein Vertrag abgeschlossen, in dem die Pflichten, rechtlichen Vorgaben und die Verantwortung des OEM klar geregelt sind. Hierzu gehört zum Beispiel auch, dass das Flashen des Motors nur in Ländern vorgenommen wird, in denen es auch erlaubt ist. Denn nicht in jedem Land darf der Datensatz eines Motors vor dem Export verändert werden. In hochregulierten Ländern ist ein Betrieb der Motren dann nicht mehr zugelassen was durch entsprechende Prozesse und das Entfernen der Emissionskennzeichnungen sichergestellt wird. Der OEM hat die Verantwortung, diese länderspezifischen und aktuellen Vorgaben auch im Hinblick auf die Gerätezulassung zu prüfen und deren Einhaltung sicherzustellen. Auf Basis dieses Vertrages kann der OEM dann das Emission Flex Package motorspezifisch bestellen. Der Bestellung ist das entfernte Emissisonslabel des Motors als Nachweis der Dezertifizierung beizulegen. Erst mit dieser Bestellung werden dann die Equipmentdaten des Motors in der Datenbank des Motorherstellers angepasst und die Bespieglung des Motors mit dem neuen Datensatz veranlasst. Der technische Aufwand an sich ist also relativ gering, dabei aber emissionskonform zu bleiben, bedeutet einiges an Aufwand.

Welche Vorteile hat ein Emission Flex Package für Neukunden?
Bühl: Wenn ein Kunde zum Beispiel unseren Motor in einen Bagger einbaut, möchte er diesen in Zukunft weltweit verkaufen können, ohne Anpassungen vornehmen zu müssen. Man muss sich vorstellen, dass große Fahrzeughersteller meist mehrere Motorentypen anbieten. Wenn diese in verschiedenen Emissionsstufen abrufbar sein müssen, führt dies zu einer enormen Komplexität, die der Kunde nicht mehr bewältigen kann und will. Mit nur einer Motorkonfiguration hat der Kunde dagegen Vorteile in der Logistik, bei Ersatzteilen, im Engineering und beim Einkauf.

Sie sprachen von dem Verkauf der Gebrauchtfahrzeuge in Länder ohne Emissionsgrenzen. Wieso wird hier ein Emission Flex Package benötigt?
Bühl: Es muss bedacht werden, dass manche OEMs teils bis zu 90 Prozent der verkauften Fahrzeuge wieder zurücknehmen und selber auf dem Gebrauchtmarkt verkaufen. Wir sprechen des Öfteren auch von Maschinen mit Listenpreisen über eine Million Euro. Damit der Wert dieser gebrauchten Maschinen erhalten wird und ein Abfluss in Drittländer mit anderen Emissionen gewährleistet ist, wird der Motor in Feld eben mit unserem Emission Flex pack ausgestattet. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass somit der Erstmarkt nicht mit Gebrauchtmaschinen zu Dumpingpreisen „verstopft“ wird. Dadurch ist der Handel auch mit den Gebrauchtfahrzeugen für unsere OEMs lukrativ und insofern flexibel, dass Drittländer bedient werden können.

Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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