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„Künstliche Intelligenz wird unser Leben verändern“

31.03.2016 | Text: Lucie Malcuk | Bilder: Stefan Söll

Zukunft, künstliche Intelligenz, Roboter

Roboter und Drohnen werden in Zukunft genauso zu unserem Leben gehören wie heute schon das Smartphone. Wer sein Auto im Jahr 2025 noch selber steuern will, muss höhere Versicherungsprämien zahlen. Und große Maschinen sind von gestern. Zukunftsforscher Lars Thomsen stellt seine Visionen vor. 

Wie wird ein Kind leben, das heute zur Welt kommt, wenn es so alt ist wie seine Eltern?
Das Kind wird in einer Zeit aufwachsen, in dem es selbst das knappste Gut ist, was die Welt hat. Firmen und Arbeitgeber werden sich um dieses Kind reißen. Es wird außerdem verwundert sein, wenn seine Eltern ihm später erzählen, dass sie jeden Tag zur Arbeit gehen mussten und bezahlt worden sind, wenn sie 40 Stunden in der Woche gearbeitet haben. Es wird wohl eher danach bezahlt werden, was es sehr gut kann. Zu Hause wird das Kind wahrscheinlich einen Roboter haben, der putzt, die Spülmaschine ausräumt und aufräumt. Das mag utopisch klingen, doch wenn man unseren Eltern erzählt hätte, dass wir alle mit einem kleinen Computer in der Tasche rumlaufen, der ständig im Internet ist, das hätten die auch nicht geglaubt.

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Roboter und Drohnen werden in Zukunft genauso zu uns
gehören wie heute schon das Smartphone. Wer sein
Auto noch selber steuern will, muss höhere Versicherungsprämien
zahlen. Künstliche Intelligenz wird unser Leben schon bald beherrschen.

Wird das Kind noch einen Führerschein machen?
Nein, den wird es nicht mehr brauchen. Es kommt von A nach B, indem es auf eine Taste drückt und dann kommt ein Fahrzeug, holt es ab und bringt es autonom zu seinem Ziel. Schon in rund zehn Jahren werden autonome Fahrzeuge normal sein. Es wird immer noch Leute geben, die selbst fahren wollen, aber die werden höhere Versicherungsprämien zahlen müssen. Denn wenn man von einem automatischen Auto gefahren wird, ist die Unfallwahrscheinlichkeit wesentlich geringer, als wenn man selbst fährt. Das ist eine Entwicklung, die übrigens selbst für mich als Zukunftsforscher überraschend schnell verläuft. Es gibt ja sogar schon erste Drohnen, die landen auf einem Parkplatz, man steigt ein und fliegt in die nächste Stadt. Noch sind das Prototypen, aber technisch ist das heute schon machbar. 

Wie lange werden Fahrzeuge noch von Verbrennungsmotoren angetrieben?
Das kommt auf das Fahrzeug an. Ende der 2020er-Jahre werden die letzten Personenautos mit Verbrennungsmotor vom Band gelaufen sein. Derzeit muss man für ein Fahrzeug mit Elektromotor noch rund doppelt so viel ausgeben wie für einen Verbrenner. Aber der Batteriepreis fällt pro Jahr um rund neun Prozent und irgendwann wird Gleichstand sein zwischen Verbrennungsfahrzeugen und Elektrofahrzeugen. Einige Lastwagen werden noch länger mit Verbrennungsmotoren fahren – entweder von Diesel oder mit Gas angetrieben. Denn auf langen Strecken kann der Verbrennungsmotor recht effizient betrieben werden. Aber ich erwarte, dass spätestens Ende der 2030er-Jahre sich auch hier der Elektromotor als die bessere Alternative durchsetzt. Lastwagen werden dann allerdings nicht mehr aussehen wie wir sie heute kennen. Ein Container wird ohne Fahrer unterwegs sein, er steht nur noch auf einem elektrischen, autonomen Fahrgestell. Ob es dann ein vollautomatisches Batteriewechselsystem gibt oder ob das System über Induktionsschleifen in der Straße geladen wird, ist eine Frage, die wir heute noch nicht genau beantworten können.

Und wie sieht’s bei Fahrzeugen aus, die abseits der Straße fahren?
Da kommt es ganz auf den Einsatz an. Baufahrzeuge werden in Städten mit guter Infrastruktur sicherlich schon bald elektrisch betrieben werden. In abgelegenen Gebieten wie zum Beispiel in einer Mine in Alaska oder auf einer schwer zugänglichen Zugstrecke werden aber sicher weiter Off-Highway- Fahrzeuge oder Züge von einem Verbrennungsmotor angetrieben. Ich denke, es wird für jede Fahrzeugkategorie zwei Alternativen geben: Entweder der konventionelle Antrieb mit einem Verbrennungsmotor oder der Elektromotor. Für welchen sich der Betreiber entscheidet, hängt vom Umfeld ab, in dem das Fahrzeug betrieben wird.

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Lange haben wir gedacht, dass Computer höchstens besser
rechnen oder Schach spielen können als wir. Jetzt lernen wir, dass
Computer sogar besser als wir Autofahren können oder bessere
Finanzanalysen als menschliche Analysten erstellen.

Zu Beginn der Motorenentwicklung stand die Leistung eines Motors im Vordergrund. Dann kamen im Laufe der Jahrzehnte Faktoren wie Kraftstoffverbrauch, Verfügbarkeit und Schadstoffausstoß hinzu. Wie sieht der Verbrennungsmotor 5.0 aus, damit er Zukunft hat?
Es wird weiter zwei große Themen geben, die wichtig sind: Emissionen und Effizienz. Das Emissionsthema wird uns noch lange beschäftigen und die Grenzwerte werden noch strenger werden. Und wenn der Verbrennungsmotor Zukunft haben will, dann muss er aus den knappen Rohstoffressourcen Öl oder Gas das Maximale herausholen – also besonders effizient sein. Es ist absehbar, dass zudem eine CO2-Steuer auf fossile Energien in Zukunft in zahlreichen Ländern erhoben wird. Dann wird das Thema Kraftstoffeffizienz noch einmal wichtiger.

Was werden Motoren denn vor allem antreiben?
Da muss ich etwas weiter ausholen: Wir befinden uns gerade in einer Zeit, die wir Zukunftsforscher „das Ende der Dummheit“ nennen. Zum ersten Mal werden Maschinen erfunden, die das menschliche Gehirn teilweise ersetzen können. Oft wird das mit dem Begriff der künstlichen Intelligenz zusammengefasst. Lange haben wir gedacht, dass Computer höchstens besser rechnen oder Schach spielen können als wir. Jetzt lernen wir, dass Computer sogar besser als wir Autofahren können oder bessere Finanzanalysen als menschliche Analysten erstellen. Diese künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren unser ganzes Leben verändern. Schauen wir uns nur mal eine Baustelle an, auf der heute viele Menschen und einige große Baustellenfahrzeuge arbeiten. In 20 Jahren werden sicherlich Roboter die meisten Routinearbeiten von Menschen übernommen haben. Das wird auch die Maschinen verändern. Es wird einen Schwarm voller intelligenter Maschinen geben, die untereinander vernetzt sind. Die könnten zum Beispiel selber baggern oder selber Sand abtransportieren. Für diese kleinen Maschinen braucht man nicht mehr nur einen großen Motor, sondern viele kleine Motoren.

Welche Megatrends sind denn für die Motorenindustrie relevant?
Zu allererst der demografische Wandel. Unternehmen werden sich schon bald um Mitarbeiter bewerben müssen, nicht mehr anders herum. Und sie werden talentierte Mitarbeiter nicht allein mit Geld locken können. Unternehmen wandeln sich von Arbeitgebern zu Wertegemeinschaften, denen Menschen sich anschließen. Der zweite Megatrend, der in der Industrie relevant ist, ist die künstliche Intelligenz, von der ich eben sprach. Diese wird sich einmal auf die Maschinen auswirken, auch in der Entwicklung und Produktion. Daneben müssen wir uns auch auf eine neue Generation von Robotern einstellen. In rund zehn Jahren werden Roboter integrativ mit den Menschen in der Produktion zusammenarbeiten. Aber auch im Büro werden wir die künstliche Intelligenz nutzen. In fünf Jahren werden wir uns kaum noch mit E-Mails beschäftigen. Computer können diese lesen und verstehen. Sie werden zu echten Assistenten, die uns immer mehr Routinetätigkeiten abnehmen und helfen, die Informationsüberlast zu bewerkstelligen. Der dritte Megatrend, der wichtig ist, ist das regenerative Energiezeitalter. Erdöl und fossile Energieträger werden schon bald ihre Dominanz im Energiemix der Welt verlieren. Das liegt unter anderem daran, dass Energie auf Basis von regenerativen Systemen schon heute günstiger werden als Öl. Vielleicht ist das auch der Grund für den Ölpreisverfall: Ein Teil des „Ausverkaufs“ ist die Angst der Öl produzierenden Länder, dass das Öl-Zeitalter bald endet.

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"Es wird für jede Fahrzeugkategorie zwei Alternativen geben: Entweder der
konventionelle Antrieb mit einem Verbrennungsmotor oder der Elektromotor",
prognostiziert Zukunftsforscher Lars Thomsen.

Wie wird das Internet der Dinge die Industrie verändern?
Gravierend. Sowohl bei der Entwicklung von Produkten als auch die Produkte und ihre Nutzung selbst. Die Entwicklung ist ja bereits heute komplett digitalisiert, doch nun kommen weitere digitale Werkzeuge hinzu. Früher hatte man ein Zeichenbrett, dann Computer, bald holografische Darstellungen und Simulationen. Sie können so Motoren schon testen, bevor sie auf den Prüfstand kommen. Diese Entwicklung ist noch nicht zu Ende, sie wird sich weiter beschleunigen. Mit den richtigen Tools kann man immer mehr Produkte in kürzerer Zeit entwickeln. Auch Sonderanfertigungen sind so einfacher möglich. Aber auch die Produkte selbst verändern sich. Ihre Motoren werden mit so viel Intelligenz ausgestattet sein, dass sie sich selber überwachen. Die Produkte kommunizieren mit dem Hersteller und der kann tagesaktuell sagen, wie hoch der Verschleiß ist und wo gewartet werden muss. Das macht die Wartungsintervalle wesentlich dynamischer.

Die Zukunft des Bergbaus liegt auf dem Mond – wie provokant ist diese These?
Sehr provokant. Der Mond ist zwar relativ nah, aber schwer zu erreichen. Die Transportkosten wären gigantisch. Ich glaube, solange wir leben, werden wir dort keinen Bergbau betreiben.

Wo liegt sie dann?
Der Bergbau wird sich differenzieren in intelligentes Mining. Denn obwohl wir vieles recyceln können, brauchen wir nach wie vor viele Rohstoffe. Die werden wir aber nicht mehr unbedingt in riesigen Minen abbauen. Es wird mehrere kleinere Abbaustellen geben, die wir intelligent betreiben müssen. Mit intelligent meine ich, dass wir Methoden brauchen, die wenig Fläche verbrauchen, die Landschaft nicht zerstören und wenig Energie, Wasser und anderer Ressourcen zum Abbau brauchen. Es wird auch nicht mehr alle Rohstoffe in so hoher Konzentration geben wie bisher. Die Nachbearbeitung und Veredlung von Rohstoffen und Materialien wird daher ein größeres Thema werden. 

Welche Rohstoffe brauchen wir in Zukunft?
Wir gehen davon aus, dass sich der Batteriemarkt in den nächsten zehn Jahren verhundertfacht. Um Batterien herzustellen, braucht man (je nach Akku-Art) Nickel, Cobalt, Graphit, Eisen, Kupfer, Aluminium und Lithium. Diese Rohstoffe werden wir immer mehr brauchen.

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32 Yachten über 100 Meter Länge gibt es derzeit auf der Welt. Bei diesen Megayachten gibt es seit Jahrzehnten ein immer verrückteres Wettrüsten, wer die längste Yacht der Welt hat. Gerade führt die Yacht eines saudischen Prinzen diese Jagd an. Geht dieses Wettrüsten weiter?
Wir haben eine enorme Konzentration von Geld. 67 der reichsten Leute haben genauso viel Geld wie 50 Prozent der Weltbevölkerung. Das wird sich weiter zuspitzen und damit wird auch der Luxusmarkt weiter wachsen. Menschen haben die Tendenz, immer größere Dinge zu kaufen. Allerdings gibt es einen Unsicherheitsfaktor: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent gehen wir davon aus, dass es noch vor 2020 eine neue große Weltwirtschaftskrise gibt. Wir nennen sie die „Krise der Arbeit“, bei der viele Arbeitsplätze verloren gehen. Denn wenn in den Industrieländern 20 oder 30 Prozent der Routinejobs wegfallen, dann hat unser Sozialsystem ein Riesenproblem. Das kann auch Folgen für das Luxussegment haben.

Und wie wird sich der Seetransport von Waren, Gütern und Menschen verändern?
Das ist nach wie vor ein Wachstumsmarkt. Beim internationalen Transport von Waren sehe ich global keine Alternative zum Transport auf See. Aber auch hier gilt: Die Schiffe werden immer moderner und sicherlich bald automatisiert fahren, vielleicht werden einige neben Flüssiggas auch mit Wasserstoff angetrieben.

Ist Wasserstoff denn ein Kraftstoff, auf den wir in Zukunft setzen können?
Ich nehme nicht an, dass sich Wasserstoff als Antriebe für Landfahrzeugen durchsetzen wird. Der Vorteil von Wasserstoff ist, dass man ihn schnell tanken kann. Der Nachteil ist aber, dass die Energieeffizienz wesentlich geringer ist als die von batterieelektrischen Speichern. In der Luft oder auf dem Wasser ist Wasserstoff aber interessant: Bei Flugzeugen zum Beispiel geht es um Gewicht und Wasserstoff ist sehr leicht. Und große Schiffe haben Platz für einen großen Wasserstofftank, da könnte ich mir den Kraftstoff auch gut vorstellen, zumal man diesen aus regenerativen Quellen, wie etwas küstennaher Windenergie erzeugen kann.

Wo kommen unsere Lebensmittel her?
Da sehen wir derzeit zwei Strömungen: Auf der einen Seite werden wieder mehr unserer Lebensmittel biologisch und lokal hergestellt. Diese sind zwar etwas teurer als aus Massenherstellung, aber immer mehr Menschen achten und fordern diese Qualität. Der andere Teil der Lebensmittelindustrie wird zunehmend industrialisiert. „Urban Farming“ zudem ist ein großes Thema, das viel Potenzial bietet. Heute hat der normale Landwirt ein Feld und kann darauf zwei oder drei Fruchtfolgen fahren. Und er muss hoffen, dass es genug regnet – aber nicht zu viel – ,dass die Sonne scheint, dass kein Sturm kommt, dass es nicht hagelt und dass keine Heuschrecken kommen. Wenn man aber in einer Art Hoch-Gewächshaus Gemüse oder Getreide anbaut, kann man den Wind kontrollieren durch Vorhänge, man kann mit Spiegeln das Sonnenlicht so einstellen wie die Pflanze es braucht. Und man kann das Wasser mehrfach nutzen. Ich gehe davon aus, dass Grundnahrungsmittel industriell hergestellt werden – immer weniger von klassischen Landwirten, sondern mehr und mehr von Lebensmittelkonzernen wie Nestlé oder Kraft Foods.

Und was für Fahrzeuge brauchen die?
Der Biolandwirt, der lokal Lebensmittel herstellt, braucht ein sehr versatiles Fahrzeug. Er will zig verschiedene Maschinen haben, die er nur einmal im Jahr braucht. Es wird multifunktionale Fahrzeuge geben mit einem hohen Grad an Roboterisierung. Industriell werden wir immer größere Fahrzeuge haben, die natürlich auch immer automatisierter werden. Beim Urban Farming wird es wohl eine neue Generation von Fahrzeugen geben, die anders aussieht als die großen Erntemaschinen auf den großen Flächen. Es werden eher Ernteroboter sein, die genau wissen, wann sie was und wie ernten müssen.

Lokomotiven, Triebwagen oder etwas ganz anderes? Wie werden Züge im Jahr 2030 angetrieben?
Die Eisenbahn noch sehr lange wichtig sein. Sicherlich wird die Elektrifizierung von Strecken zunehmen. Doch es wird auch Strecken geben, die schwer zu elektrifizieren sind, da werden weiter Verbrennerloks fahren. Es gibt aber auch radikal neue Ideen: Elon Musk, der Gründer von Tesla, hat mit dem Hyperloop eine vakuumisierte Röhre vorgeschlagen, durch die Menschen und Güter wie in einer Rohrpost-Kapsel transportiert werden – extrem schnell und energiearm. Die ersten Teststrecken für dieses System werden gerade in den USA gebaut.

Wie erzeugen wir in Zukunft Energie?
Wir haben da einen wunderbaren Fusionsreaktor im Himmel, der seit mindestens fünf Milliarden Jahren Energie liefert. Den werden wir in Zukunft immer mehr nutzen, sei es mit Photovoltaik oder mit  Wind- und Wasserenergie. Das fossile Zeitalter ist vorbei, viele regenerative Energien können heute mit den Preisen für fossile Energien mithalten und werden noch günstiger. Der Bau eines Kohlekraftwerks kostet (wenn man Erzeugungsleistungen vergleicht) heute in etwa das Dreifache dessen, was ein Solarkraftwerk kostet. Das Kohlekraftwerk läuft aber 24 Stunden, das schafft die Sonne nicht und daher kann man mit ihm drei Mal so viel Energie erzeugen. Dafür braucht es in Zukunft massiv mehr Speicher. Aber der Punkt, an dem Solar und Speicher das gleiche Gesamtkostenniveau von Kohle erreichen, kommt binnen der kommenden zehn Jahre. Dasselbe gilt für Kernenergie, die weltweit ein Auslaufmodell ist. Wenn man die Entsorgung und Lagerung der radioaktiven Reststoffe mitrechnet, und das muss man machen, dann ist Atomkraft eine der teuersten Energien die wir haben.

Und wie sieht das Energienetz der Zukunft aus?
Kleinteilig und dezentral. Anstelle eines großen Kraftwerks wird es Millionen kleinerer Kraftwerke geben, die wie in einem Schwarm intelligent gesteuert werden. Je mehr regenerative Energien wir einspeisen, desto stärker wächst der Bedarf an Speichern und an dynamischen Erzeugungskapazitäten. Hier kommt der Verbrennungsmotor im Rahmen von Blockheizkraftwerken vielleicht wieder ins Spiel. Im Sommer haben wir wenig Wind, im Herbst wenig Energie – da brauchen wir kleine Kraftwerke, die intelligent betrieben werden können, um diese Lücken zu füllen.

Wie sieht Ihre Fabrik der Zukunft aus?
Die Produktion der Zukunft ist eine Kombination aus menschlicher und künstlicher Intelligenz. Wir brauchen Menschen mit umfangreiche Fach- und Expertenwissen, Qualitätsbewusstsein, Prozess-Know-how, Engineering-Exzellenz plus eine so intelligente Produktion, die genau diese Ansprüche, die wir an Menschen haben, auch auf Produktionsprozesse umsetzt. Die sogenannte „Dark Factory“; in der keine Menschen mehr arbeiten, wird es nicht geben. Aber wir werden eine Produktion haben, in der die gesamten Liefer-, Logistik- und Produktionsketten komplett integriert sind. Der Zulieferer weiß genau, wann er welches Teil liefern muss, weil er jederzeit über die Produktionskette seines Kunden informiert ist. Roboter werden dann vollautomatisch das benötigte Teil auf den Weg schicken. Das macht die Produktion natürlich wesentlich effizienter und qualitativ besser. Aber was wir da für Möglichkeiten haben, sehen wir wahrscheinlich heute noch gar nicht. Als wir Ende der 1990er-Jahre über das Internet diskutiert haben, war das ein Riesen-Hype aber keine wusste, welches Potenzial das Internet hat. So ähnlich ist das mit Industrie 4.0 auch. Alle diskutieren drüber, aber wir haben noch gar nicht genau begriffen, was der eigentliche Inhalt ist. Da wird noch vieles kommen. Man könnte sehr komplexe Dinge auf sehr kleinen Produktionsstraßen herstellen. Produktion wird dezentral, modularer, kleiner und flexibler werden.

Vielen Dank für diesen spannenden Blick in die Zukunft. Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrer Arbeit. Wie stellen Sie denn sicher, dass Sie tatsächlich durch ein Fernrohr und nicht in eine Glaskugel gucken?
Technische Entwicklungen folgen immer einer gewissen Logik. Wenn man genügend Daten hat, um Technologieentwicklung zu prognostizieren, dann kann man die Dynamiken der Trends ganz gut vorausbestimmen. Am Anfang ist eine neue Technologie meistens teurer und schlechter. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, an dem diese billiger und besser als das herkömmliche. Diesen Punkt nennen wir den Tipping-Point. Wir sind immer auf der Suche nach Tipping-Points. Zum Beispiel fragen wir uns, wenn es günstiger sein wird, in einem Hotel Roboter einzusetzen statt Zimmermädchen, wann ist es günstiger ein Auto elektrisch zu fahren als mit einem Verbrennungsmotor. Um diese Tipping-Points zu finden, verbringen wir jeden Tag viele Stunden mit Lernen: Wir gehen mit Neugier durch die Welt, um Dinge zu verstehen. Denn Zukunft ist gestaltbar. Zukunft passiert nicht zufällig. Zukunft wird gestaltet, indem man jetzt darüber nachdenkt, wie die Zukunft aussehen könnte.

Und wie lang ist ihr Fernrohr?
Wir schauen 520 Wochen weit in die Zukunft. Das sind zehn Jahre. Wenn ich Menschen sage, dass es noch zehn Jahre dauert, bis etwas passiert, dann erscheint das so weit weg. Wenn ich aber sage, noch 520 Wochen, dann klingt das viel näher. Jeder weiß, wie schnell eine Woche vergeht. Viele Menschen machen den Denkfehler, dass sie unterschätzen, was in zehn Jahren alles passiert. Im Nachhinein erscheint das alles logisch. Wer hat vor zehn Jahren gedacht, dass jeder Mensch einen Computer mit sich rumträgt? Das klang wie Science Fiction.

Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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