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Mit Green- und High-Tech auf sauberem Kurs in die Zukunft

04.04.2017 | Text: Interview im Magazin Schiff & Hafen | Bilder: Robert Hack

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Herr Schell, Sie sind seit 1. Januar 2017 Vorstandsvorsitzender der Rolls-Royce Power Systems AG. Wie ist Ihr erster Eindruck vom Unternehmen und welche Ziele haben Sie sich auf die Fahnen geschrieben?
Andreas Schell:
Rolls-Royce Power Systems ist ein gut bestelltes Haus – mit einer gesunden DNA und einem starken Kern sowie mit einer klaren Weichenstellung in Richtung Zukunft. Unsere Marken MTU, MTU Onsite Energy und L’Orange haben mit ihren Premiumprodukten eine starke Position in den weltweiten Märkten. Mich begeistert die Spitzentechnologie, die hier Tradition ist, und die Innovationskraft, die ich in vielen Bereichen sehe – vor allem in den Köpfen unserer Ingenieure.
Mein Vorstandskollege Marcus Wassenberg und ich sind angetreten, um Rolls-Royce Power Systems im Sinne unserer Kunden mit einer klaren Agenda weiter nach vorne zu bringen und zukunftsfest auszurichten – mit Blick auf die Märkte und das Produkt- und Dienstleistungsportfolio. Wir werden dafür wichtige Weichenstellungen vornehmen, wie die Entwicklung umweltfreundlicher und nachhaltiger Antriebs- und Energie-Lösungen sowie eine konsequente Digitalisierung speziell bei den Angeboten für unsere Kunden und im Service. Wir werden mit neuen Organisationsstrukturen in Sales und Service viel aktiver und näher am Kunden und seinen Bedürfnissen sein. Wir stehen für Qualität, Zuverlässigkeit und Innovationskraft, unsere Agenda für die Zukunft ist kurz gefasst: Wir werden agiler, digitaler, internationaler.

Antriebe der Marke MTU für Schiffe sind weltweit unterwegs und sie sind einer Ihrer wichtigsten Umsatzträger. Welche Herausforderungen sehen Sie in einer nachhaltigen Entwicklung der maritimen Wirtschaft und welchen Beitrag werden Sie als Unternehmen dazu leisten?
Andreas Schell:
Wir müssen die Mobilitäts- und Energieansprüche einer wachsenden Weltbevölkerung gewährleisten, und zwar trotz knapper werdender Ressourcen und mit signifikant weniger Belastung für unsere Umwelt. Das ist unsere Herausforderung - gemeinsam mit Politik, Industrie und Gesellschaft! Dazu müssen wir ganz neue Lösungswege denken und umsetzen. Und das machen wir bereits.
Wir sind dabei, neue Technologien und Dienstleistungen zu entwickeln, die Werften und Schiffsbetreiber dabei unterstützen werden, die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich zu bewältigen. Mit unseren Entwicklungen bieten wir ihnen leistungsstarke Antriebssysteme mit mehr Effizienz, geringeren Life-Cycle-Kosten und größerer Umweltfreundlichkeit.

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2016 haben wir unser Green- und High-Tech-Programm gestartet. Mit diesem Programm investieren wir gezielt in umweltfreundliche Zukunftslösungen für weniger Schadstoffausstoß und geringeren Energie- und Rohstoffverbrauch. Die CO2-Reduzierung wird im maritimen Sektor sicherlich nur in mehreren Schritten erreichbar sein. Der Verbrennungsmotor wird noch lange Zeit Teil der Lösung sein. Allerdings nicht so, wie wir ihn heute kennen. Sondern mit moderner Abgasnachbehandlung und alternativen Kraftstoffen sowie ergänzt durch Hybridisierung und Digitalisierung. Wir streben bis 2030 eine Verbesserung der CO2-Emissionen um bis zu 30 Prozent an.
Wenn die Energiewende im Schiffsverkehr gelingen soll, braucht es einheitliche und verlässliche Rahmenbedingungen und eine enge Partnerschaft zwischen Industrie und Politik. Durch geeignete Fördermaßnahmen ist es möglich, Entwicklungsprogramme schneller umzusetzen, durch die Motoren noch effizienter und sauberer gemacht werden können. So arbeiten wir derzeit an vier Projekten aus diesen Themengebieten mit, die durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert werden. Auch unsere Kunden können neue emissionsarme Antriebssysteme schneller in ihre Schiffe einbauen, wenn es öffentliche Vorarbeit gibt und sie eine entsprechende Infrastruktur verlässlich nutzen können. Wenn beispielweise genügend Tankstellen für flüssiges Erdgas (LNG) vorhanden sind.

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Dr. Chatterjee, Sie leiten bei Rolls-Royce Power Systems das Green- und High-Tech-Programm. Welche Schwerpunkte verfolgen Sie?
Dr. Daniel Chatterjee:
In unserem Green- und High-Tech-Programm legen wir den Fokus auf: Elektrifizierung, alternative Kraftstoffe, Abgasnachbehandlung, Digitalisierung und Gesamtsystemfähigkeit (Angebot von gesamten Antriebs- und Energie-Erzeugungssystemen). Unsere Dieselmotoren-Antriebe sind schon heute äußerst effizient und technologisch ausgefeilt. Mit modernen Abgasnachbehandlungssystemen senken wir nochmals deutlich die Schadstoffemissionen. Integrierte Lösungen aus Motor und Abgasnachbehandlung sorgen für hohe Effizienz und eine perfekte Abstimmung beider Komponenten. Darauf aufbauend entwickeln wir Technologien, mit denen die Umweltbilanz und die Life-Cycle-Kosten unserer Antriebe noch weiter verbessert werden.
Elektromotoren bzw. Hybridantriebe sind bei maritimen Antriebssystemen und bei unseren hybriden Bahnantrieben schon heute ein wichtiger Baustein für die grüne Mobilität der Zukunft. MTU hat für die kürzlich in Betrieb genommene weltgrößte Segelyacht, die „Sailing Yacht A“, ein innovatives, kundenspezifisches Hybrid-Antriebssystem geliefert. Es handelt sich dabei um eine kombinierte diesel-elektrische Antriebsanlage, die sieben verschiedene Antriebsmodi ermöglicht. Je nach Bedarf kann durch den Einsatz von Diesel- und Elektromotoren eine schnelle Geschwindigkeit erreicht werden, es ist aber auch eine langsame Fahrt mit geringen Vibrationen und reduziertem Kraftstoffverbrauch möglich.
Unsere Tochter Bergen Engines startete vor Kurzem ein Projekt zur Motorisierung von neuen Expeditionsschiffen für die berühmte Hurtigruten in Norwegen. Schon 2019 werden wir mit unseren hybriden Antriebssystemen bei Hurtigruten einen Traum möglich machen: den emissionsfreien Schiffsverkehr in besonders sensiblen Naturräumen, wie hier die arktischen Gewässer.
In unserem Green- und High-Tech-Programm arbeiten wir außerdem an mobilen Gasmotoren, d.h. an Motoren, die mit konventionellem Erdgas oder auch mit regenerativ erzeugtem grünem Erdgas betrieben werden können. Das Erdgas kann dabei auf Schiffen sowohl als komprimiertes Erdgas (CNG) oder auch als verflüssigtes Erdgas (LNG) gespeichert werden. Diese Antriebe haben eine hervorragende Umweltbilanz und werden den Seeverkehr umweltfreundlicher machen und nachhaltig Emissionen senken. Im Vergleich zum Dieselmotor stößt der reine Gasmotor bis zu elf Prozent weniger Treibhausgase aus, 90% weniger Stickstoffoxide, so gut wie keine Partikel und keine Schwefeloxide.
Wenn wir Sonnen- oder Windenergie für die Erzeugung von synthetischen Gasen nutzen, haben wir einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur maritimen Energiewende erreicht. Mit der Power-to-Gas-Technologie können Schiffe mit Hilfe von regenerativ erzeugten Kraftstoffen angetrieben werden.

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Der neue MTU Gasmotor 16V 4000 für die kommerzielle Schifffahrt

Unsere Gasantriebe sind schon jetzt eine greifbare Option. Ende des Jahres werden im Rahmen des EU-Projekt „LeanShips“ die ersten Vorserienmotoren bei Damen Shipyards in einem Schlepper für die Rederei Svitzer installiert. Ab 2018 liefern wir die ersten zertifizierten Serien-Gasmotoren für die kommerzielle Schifffahrt aus. Die niederländische Reederei Doeksen wird unsere Gasmotoren für den Fährverkehr in der Nordsee im Naturschutzgebiet Wattenmeer einsetzen. Auch auf dem Bodensee, dem größten Trinkwasserspeicher in Europa, wird ab 2019 eine neue Fähre in Betrieb gehen, die komplett mit flüssigem Erdgas angetrieben wird. Wir freuen uns sehr darüber, dass man unsere Antriebssysteme für den Schiffsverkehr in sensiblen Ökosystemen ausgesucht hat. Es zeigt uns, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Ein weiterer Fokus unseres Green- und High-Tech-Programms liegt auf der Digitalisierung.

Die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in der maritimen Wirtschaft sind in diesem Jahr auch das Schwerpunktthema der Nationalen Maritimen Konferenz. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie für Ihr Unternehmen und welche konkreten Pläne haben Sie in dieser Richtung, Herr Schell?
Andreas Schell:
Wir investieren derzeit gezielt in die Entwicklung digitaler Technologien, zum Beispiel Cloud-Lösungen und kundenorientierte digitale Anwendungen wie Service-Apps. Mit Hilfe der Digitalisierung unserer Antriebssysteme wollen wir die Wartungskosten und den Rohstoffverbrauch unserer Motoren so gering wie möglich halten und unseren Kunden dabei die gewohnt verlässliche Qualität bieten. Das gelingt uns, indem unsere Motoren denken lernen und selbst erkennen, wann sie ein Ersatzteil brauchen oder ein Service notwendig ist. Sie optimieren zudem ihren Kraftstoffverbrauch automatisch und können auch dadurch die Betriebskosten signifikant senken.
Große Herausforderungen der Digitalisierung sehe ich in den Themen: Datensicherheit und Datenschutz, Vernetzung der Daten, Setzen von Standards, rechtliche Rahmenbedingungen und Klärung der Eigentumsrechte an den verwendeten Daten.

Wie geht es weiter in Sachen Green- und High-Tech, gibt es eine Roadmap?
Dr. Daniel Chatterjee:
Aus den einzelnen Technologien stellen wir ein optimales System zusammen, das deutlich weniger Schadstoffe emittiert und eine verbesserte CO2-Bilanz hat als konventionelle Antriebe mit Verbrennungsmotoren.
In der ersten Phase wird der Verbrennungsmotor mit Abgasnachbehandlung kombiniert. Gas kommt als weiterer Kraftstoff hinzu. In einer zweiten Phase kommen weitere Komponenten, wie zum Beispiel Elektromotoren aus unseren E-Drive-Lösungen, dazu. Durch vernetzte und intelligente Produkte werden die Wartungsprozesse optimiert und die Materialeffizienz gesteigert. In einer dritten Phase wird durch die Verwendung von nachhaltig erzeugten Kraftstoffen eine deutliche Verringerung von Emissionen und Treibstoffeinsatz erreicht.

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Die Grafik verdeutlicht dies am Beispiel eines Antriebssystems mit Verbrennungsmotor und Technologien aus dem Green- und High-Tech-Programm. Ergebnis ist ein vollintegriertes und fortschrittliches Gesamtsystem, das effizient die Umwelt schont.


Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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