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Sportlich in die Zukunft

04.10.2017 | Text: Katrin Auernhammer | Bilder: Robert Hack

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Andreas Schell ist seit Januar 2017 der neue Vorstandsvorsitzende von Rolls-Royce Power Systems und Geschäftsführer der MTU Friedrichshafen. Schell will das Unternehmen von Grund auf verändern, um Kundenwünsche besser zu erfüllen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Im Interview erzählt er von den Herausforderungen der kommenden Jahre, von seiner Motivation, Rolls-Royce Power Systems voranzubringen und wie er den Kunden in die Mitte des Handelns stellen will.


Herr Schell, wie viele Kilometer sind Sie heute schon gelaufen?
Ich hatte am Wochenende einen längeren Lauf, daher ist heute ein Ruhetag. Morgen nehme ich dann das Training wieder auf.

Sie sind Triathlet. Steht der nächste Wettkampf schon in Ihrem Kalender?
Ich habe gerade erst Anfang Juli bei der Challenge in Roth, einem Langdistanz-Triathlon in Bayern, teilgenommen. Ein tolles Event, bei dem ich auch einen weiteren MTU-Kollegen getroffen habe. Leistung und Ausdauer können bei der MTU wohl nicht nur die Motoren, sondern auch die Mitarbeiter. Roth war mein Saisonhöhepunkt in diesem Jahr.

Waren Sie mit Ihrer Leistung zufrieden? Immerhin sind Sie ja im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender von Rolls- Royce Power Systems.
Ich möchte gerne im oberen Viertel ins Ziel einlaufen und das habe ich erreicht. Jetzt geht es darum, die Daten auszuwerten. Vielleicht ist ja noch etwas mehr drin. Für mich geht es in der Tat darum, die verschiedenen Aspekte meines Lebens in Balance zu halten. Meinen Beruf, meine Familie und Freunde, aber auch den Triathlon.

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Der Kunde soll im Mittelpunkt des Unternehmens
stehen, dazu will Andreas Schell das Unternehmen
grundlegend verändern.

Im Sport haben Sie sich für drei Disziplinen entschieden. Hier im Unternehmen ist es wohl eher ein längerer Mehrkampf, wenn man die verschiedenen Geschäftsbereiche berücksichtigt. Gibt es Parallelen?
Für mich gibt es zwischen dem Ausdauersport und dem Leiten eines Geschäftes durchaus Parallelen: Trotz aller Anstrengungen und noch so viel Einsatz verändern sich die kurzfristigen Ergebnisse manchmal nur wenig, das ist auch hier im Unternehmen gelegentlich so. Manchmal kommt der Erfolg eben erst mittel- oder langfristig, oft auch mit dem Mix der Disziplinen. Das Multidisziplinäre aus dem Triathlon habe ich auch bei Rolls-Royce Power Systems. Gemeinsam mit meinen Führungskräften leite ich Bereiche wie den Vertrieb, die Produktion und die Entwicklung, und jeder Bereich hat seine eigenen Leistungskennzahlen und Prozesse. Da helfen die Erfahrung und der Spaß, den ich privat im Ausdauersport erlebe, bei meiner täglichen Arbeit durchaus weiter.

Für unsere Leser sind Sie noch der „Neue“, obwohl Sie nun schon ein halbes Jahr bei uns sind. Welchen Eindruck haben Sie von Rolls-Royce Power Systems?
Ich empfinde es als großes Privileg, Rolls-Royce Power Systems, und damit MTU, zu leiten. Wir sind eine tolle Firma mit tollen Produkten und großartigen Mitarbeitern. Wir haben viele Innovationen bereits auf den Markt gebracht und haben noch unglaublich viele in der Schublade. Was mich auch begeistert ist, dass wir noch viel mehr Möglichkeiten haben. Das voranzubringen, daran habe ich ein unglaublich großes Interesse, und das bringt mich jeden Morgen wieder mit Freude hierher.

Was wird Ihre persönliche Herausforderung für die nächsten Monate?
Ein ganz großer Schwerpunkt ist es, den Kunden noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Wir haben sehr viele, teilweise auch wirklich tiefe Kundenkontakte. Wir sind aber auch oft nicht nah genug am Kunden: Wir müssen die Bedürfnisse und Interessen unserer Kunden im Detail kennenlernen. Nur so können wir maßgeschneiderte Lösungen liefern. Ein zweiter ist es, unsere Märkte bis ins Detail zu kennen. Zum Beispiel indem wir wissen, wo welches Aggregat im Einsatz ist. Und ein dritter ist es, unser Bewusstsein zum Thema Compliance weiter zu schärfen. Hier sind wir auf einem guten Weg. Ich möchte, dass unsere Kunden uns als ehrenwerten Geschäftspartner sehen, zu jeder Zeit.

Wie profitiert MTU von Ihren Erfahrungen in anderen Unternehmen?
Ich habe lange in Deutschland, und dann viele Jahre in den USA und England in unterschiedlichen Industriezweigen gearbeitet. Durch die vielschichtigen Aufgaben und Herausforderungen in meinen vorherigen Tätigkeiten habe ich verschiedene Führungsmodelle, Organisationsformen und Prozesse kennengelernt. Beispielsweise in der Automobilindustrie zielen die Prozesse auf ein Massenprodukt mit kurzen Produktzyklen; bei der Luft- und Raumfahrtindustrie hingegen auf geringere Stückzahlen und die Entwicklung nah am direkten Kunden mit langen Produktzyklen. Für den Erfolg benötigt man überall akkurate Prozesse, die von den Mitarbeitern gelebt und präzise ausgeführt werden. Dieses Prozessdenken hilft uns hier weiter. Ein weiteres Beispiel ist das Kostenbewusstsein: In der Automobilindustrie generiert der Wettbewerb einen Kostendruck, das ist bei uns ähnlich. Auch wir müssen uns mit unseren Produkten im Markt messen lassen. Generell komme ich heute mit einem breiten Erfahrungsschatz im Führen von komplexen Organisationen mit technischen Produkten zu MTU und denke, dass ich da einiges zu bieten habe.

Wir haben viele Innovationen bereits auf den Markt gebracht und haben noch unglaublich viele in der Schublade.Andreas Schell

Wo sehen Sie die Herausforderungen für die kommenden Jahre?
Das Wichtigste: Den Kunden zufriedenzustellen, überzeugende Produkte, überzeugende Systeme, überzeugende Lösungen für die Kunden verfügbar zu haben. Dabei sollte unsere erste Antwort nicht sein: „Das können wir nicht“, sondern: „Ich schau mir das erstmal genau an, ob wir eine Lösung dazu finden können.“ Sollte das der Fall sein, zeigen wir dem Kunden, wie wir dort hinkommen. Und zwar nicht ungefähr, sondern auf den Punkt genau! Wenn wir etwas zusagen, dann müssen unsere Kunden sich darauf verlassen können. Das nächste ist Wachstum: Wir haben in den vergangenen fünf Jahren wenig bis kein Wachstum erfahren. In einigen unserer Märkte gab es Rückgang, in anderen haben wir Wachstum gesehen, an dem wir keinen Anteil hatten. Das müssen wir jetzt mit vereinten Kräften ändern, um die MTU zu einem Marktführer zu machen.

Was bieten wir unseren Kunden im Jahr 2030?
Ganz klar mehr Lösungen und nicht nur Produkte. Heute sind wir noch sehr produktfokussiert, aber wir werden ein Lösungsanbieter werden. Und das ist auch das, was die Kunden nachfragen. Ein Beispiel aus dem privaten Umfeld: Wenn ich heute einen Mobilfunkvertrag abschließe, bekomme ich eine Kommunikationslösung, bei der Daten transferiert werden – man telefoniert nicht einfach nur. Und das sehe ich auch in der Industrie so: Wir verkaufen unsere Produkte und die Systeme dazu. In der Zukunft, im Jahr 2030, sehe ich uns als Lösungsanbieter, fokussiert auf die Bereiche Marine und Infrastructure.

Welche Rolle spielt für Sie unsere Mutter Rolls-Royce?
Rolls-Royce ist eine tolle Firma mit einem starken Luftfahrtbereich und sehr renommiert als Turbinenhersteller. Das Marinesegment agiert gerade in der schwachen Marktlage, aber auch hier gibt es überzeugende Produkte und Innovationen. Wie bei uns ist bei Rolls-Royce viel Erfahrung und Potenzial vorhanden. Deshalb sehe ich die Firma im Zusammenspiel mit uns, mit MTU, auf dem Weg zu einem sehr gut aufgestellten, diversifizierten Technologiekonzern.

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Andreas Schell im Führerhaus einer Fähre der Stadtwerke Konstanz.
Gemeinsam mit den Stadtwerken wird MTU den mobilen Gasmotor
in einer neuen Fähre auf dem Bodensee testen..

Noch ist der Dieselmotor das umsatzstärkste Produkt. Jedoch kann man davon ausgehen, dass er mit strengeren Emissionsrichtlinien und anderen Brennstoffen irgendwann nicht mehr mithalten kann. Wie bereiten wir uns auf diesen Zeitpunkt X vor?
Wir haben schon vor einiger Zeit das Programm „Green- and Hightech“ gestartet und damit die Zukunft der Antriebstechnologien und Lösungen definiert. Im Diesel steckt weiterhin Potenzial, er wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Mit Abgasnachbehandlung machen wir den Diesel bereits heute sauber und erfüllen die Emissionsvorschriften. Green and Hightech geht aber weit über den Diesel hinaus: An nächster Stelle kommen für mich die alternativen Kraftstoffe, speziell Gas. Es hat den großen Vorteil, dass durch die geringen Stickoxide und Partikel das Thema Abgasnachbehandlung an Komplexität verliert. Damit hat der Verbrennungsmotor auch weiterhin seine Existenz. Wir wären aber nicht MTU, wenn wir nicht schon darüber hinaus denken würden. Zum Beispiel mit dem Thema Hybrid, der immer dann Sinn macht, wenn ich kurzfristig viel Leistung brauche, langfristig aber in einem niedrigen Leistungsbereich arbeiten kann. Unser Bahn-Hybrid- PowerPack ist so eine Hybridlösung – und einsatzbereit. Und was definitiv noch dazu gehört, ist das Thema Digitalisierung. Hier ist unglaublich viel Potenzial vorhanden: Daten zu sammeln, mit unserem Expertenwissen sauber zu analysieren und anschließend den Betreibern entsprechend Rückmeldung zum Einsatz ihrer Systeme zu geben und diese Antriebssysteme so noch effizienter zu machen.

Gibt es einen Markt oder eine Produktgruppe, die unser Portfolio noch ergänzen würde?
Wir werden bei der Stromerzeugung über Lösungen nachdenken, die über den Verbrennungsmotor mit Generator hinausgehen. Wir werden beispielsweise in der Lage sein, weitere Komponenten für Micro-Grids anbieten zu können. Im Bereich Marine werden wir verstärkt mit Rolls-Royce zusammenarbeiten, um Kunden Lösungen anbieten zu können, die über den reinen Antrieb hinausgehen.

Der Hybrid-Zug war unser erstes Beispiel zum Thema Diesel mit Elektro. Im Energiebereich haben wir die Kombination aus regenerativen Energien und Diesel, und auch für den Schiffseinsatz gibt es neben dem dieselelektrischen Antrieb Hybridsysteme. Ist der Energiemix eine Zwischenstation zu neuen Energien?
Bei der Stromerzeugung wird der Diesel- bzw. der Gasmotor mit Tank gerade bei den sicherheitskritischen Anwendungen noch länger eine Rolle spielen. Ich glaube, da brauchen wir ihn als letztes Back-up noch länger, schon allein um die Netzstabilität sicherzustellen. Bei mobilen Antrieben sind wir sicherlich in einer Übergangssituation: vom konventionellen Diesel mit Abgasnachbehandlung über alternative Kraftstoffe und die Einführung von Hybridsystemen. Wenn die Kosten für Batteriespeichersysteme weiterhin so sinken wie es gerade der Fall ist, sind auch bei MTU rein elektrische Antriebslösungen denkbar.

Die Motoren der Zukunft werden intelligent sein und viele Daten liefern, mit denen der Kunde seine Flotte wirtschaftlicher betreiben kann. Werden aus den klassischen Maschinenbauingenieuren so Datenanalysten?
Sicherlich nicht aus allen, obwohl unsere Ingenieure hervorragend sind im Umgang mit Daten und Informationen und wir das Experten-Know-how zum Analysieren der Daten haben. Es gibt viele Firmen am Markt, die Daten analysieren; was diesen aber fehlt, ist das System- und Domain-Know-how. Das besitzen wir, und das werden wir auch schützen und nicht weitergeben.

Wie soll der Kunde MTU erleben?

Als einfach und unkompliziert. Der Kunde soll sich bedingungslos auf uns verlassen können. Das gilt sowohl für die Auslieferung unserer Produkte als auch insbesondere für den Service unserer Produkte im Einsatz. Deshalb müssen wir unsere Kunden, deren Bedürfnisse und Einsatzgebiete im Detail kennen. Wir müssen mehr ins Feld, in die Länder, in denen unsere Aggregate im Einsatz sind.

Was fasziniert Sie an den MTU-Produkten?
Haben Sie schon einmal an einem Prüflauf teilgenommen, wenn ein Motor der Baureihe 4000 angelassen wird? Haben Sie schon einmal den Sound vernommen, wenn ein Schiff startet, das von Motoren der Baureihe 2000 angetrieben wird? Waren Sie schon einmal auf einem Offshore Patrol Vessel, wenn der 8000er startet? Das sind schon tolle Erlebnisse, und das waren jetzt nur drei Beispiele. Das gilt für alle anderen Anwendungen auch: im Bergbau, bei der Bahn oder der Energieerzeugung. Ich habe vor Kurzem eine Dienstreise nach Kuba gemacht, denn in der gesamten kubanischen Energiewirtschaft spielt MTU eine richtig bedeutende Rolle, mit dem, was wir dort an Stromaggregaten im Einsatz haben. Das fasziniert mich einfach. Die Welt würde definitiv nicht so gut funktionieren, wenn es die MTU-Produkte nicht gäbe. Das ist einfach unglaublich toll.

Was fällt Ihnen ein zum Thema …
… Beständigkeit?

Wir sind seit weit über 100 Jahren als Unternehmen am Markt, das ist eine hohe Beständigkeit und ein Gut, das es zu verteidigen gilt. Meine Aufgabe ist es nun, dass es mit den Entscheidungen, die ich treffe, MTU in 100 Jahren auch noch gibt.

… Veränderung?
Wir müssen uns als Unternehmen verändern, schlanker und agiler werden, weil die Welt sich ändert. Kundenanforderungen und Märkte verändern sich. Das ist nicht einfach für uns, aber wir müssen da durch.

… Aufbruch?
Ich komme mit unglaublicher Motivation täglich hierher. Für mich ist das täglich ein neuer Aufbruch, um neue Dinge anzustoßen, neue Impulse zu setzen. Und ich habe aus vielen Gesprächen mitbekommen, dass auch unter den Mitarbeitern eine Aufbruchsstimmung herrscht.

… Kultur?
Den Kulturwandel brauchen wir. Den Kunden in die Mitte der Firma zu stellen heißt auch, dass wir uns verändern müssen, um dynamischer und agiler zu werden.

… Qualität?
Das ist ein Must-have, ohne das geht es nicht. Ich habe in der Automobilindustrie viel Erfahrung gesammelt. Ich hatte die Entwicklungsverantwortung für Elektrik/Elektronik für über zwei Millionen Serienfahrzeuge. Als ich das übernommen habe, waren unsere Kennzahlen am Boden, aber gemeinsam mit einem tollen Team haben wir die Produktqualität verbessert. Diese Erfahrung hat bei mir ein Qualitätsbewusstsein geschaffen. Denn wenn unsere Produkte nicht funktionieren, funktionieren auch die Lösungen unserer Kunden für deren Endkunden nicht richtig. Das ist nicht akzeptabel für uns.

… Digitalisierung?
Wir sind eine Industrie, die später in dieses Thema eintaucht als andere Industrien. Meine Erfahrung ist, dass es besser ist, wenn wir das enorm schnell vorantreiben, als es uns von jemandem überstülpen zu lassen. Heute haben wir noch Entscheidungsfreiheit, und deshalb ist das ein Steckenpferd von mir.

Wenn wir in einem Jahr einen Artikel über Sie veröffentlichen würden: Was möchten Sie darin lesen?
Nicht über mich, sondern über MTU möchte ich lesen. Dass wir uns in der Wahrnehmung der Kunden verändert haben zu einem dynamischen und kundenorientierten Unternehmen, das Hochleistungsprodukte mit Spitzenqualität zu wettbewerbsfähigen Preisen anbietet.

Vielen Dank


Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

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